http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0171
Ein Tag am Quell von Vauecluſe. 171
Bänken der Ruderer gefeſſelt. Daher kommt, worüber
die des Grundes Unwiſſenden ſtaunen, daß auf hoher See,
auf dem Land, in Wäldern und Werkſtätten ſcharfe und
aufrechte Geiſter anzutreffen ſind, in den Schulen blut—
5 leere, blaſſe und niedergebeugte — denn die Natur iſt
ſchwer zu beſiegen, wenn ſie auch beſiegt wird.“
Gaudium. „Ich ſchreib' hitzig drauf los.“ B
Ratio. „Wie viel hitziger noch haben andre vor dir
geſchrieben, aber ihre Hitze iſt gelöſcht, und man wußte
ſdo nicht, daß ſie je geſchrieben, wenn ſpätere es nicht auf—
gezeichnet. Kein menſchlich Ding hat langen Be—
ſtand, und aus ſterblicher Arbeit wird nichts
Unſterbliches geſchaffen.“
Gaudium. „Vieles ſchreib' ich.“
1s Ratio. „Wie viel mehr haben andere geſchrieben!
Wer zählt die Bücher des Cicero oder Varro? Wer die
Werke des Titus Livius oder Plinius? Ein einziger
Grieche hat, wie die Sage geht, ſechstauſend Bücher her—
ausgegeben. Der Mann muß einen ſprühenden Geiſt und
20 lange ruhige Muße gehabt haben, wenn die Sache wahr
iſt. Wenn es ſchon etwas Wunderbares iſt, ſo viele Bücher
zu leſen, um wie viel wunderbarer, ſie geſchrieben zu
haben. G
„Es wäre allzulang, aufzuzählen, wieviel Männer bei
25 euch, wieviel bei den Griechen, und was ſie geſchrieben;
keiner iſt ſo glücklich, ganz und voll von uns ſtudiert werden
zu können, da iſt ein Stück, dort ein großer Teil, von eini⸗
gen alles zugrund' gegangen. Schau' nun zu, welch Los
du dem deinigen prophezeien willſt!“
30o Gaudium. „Ich ſchreibe, denn das iſt mein einzig
Vergnügen.“
Ratio. „Wenn du ſchreibſt, um dein Talent zu üben
und andre zu belehren, oder um die ſchlechten Zeiten zu
vergeſſen und in der Erinnerung an die Vergangenheit
35 dem Ekel an der Gegenwart zu entfliehen: ſo magſt du
entſchuldigt ſein. Schreibſt du aber nur, um der verbor-
genen und unheilbaren Schreibkrankheit loszuwerden,
ſo dauerſt du mich. Denn, wenn du's noch nicht weißt,
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0171