Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 177
(PDF, 113 MB)
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Ein Tag am Quell von Baucluſe. 177

Erfahrung und kam wieder mehr zur Tiefe hinao — und
indem ich etliche Täler durchwandelt und die leichten
langen Wege einhielt, bereitete ich mir ſelber große
Schwierigkeit, denn ich ſchob die Mühſal des Empor—
5 ſteigens zwar hinaus, aber durch des Menſchen Ingenium
wird die Natur der Dinge nicht verändert, und niemals
wird es möglich werden, daß einer durch Abwärtsſteigen
in die Höhe gelange.
„Kurz, nicht ohne Lachen meines Bruders ſtieß mir
io ſolches während weniger Stunden drei- oder mehrmal zu.
Solcherweiſe oft getäuſcht, machte ich in einem Tale halt.
„Dort, in geflügelten Gedanken von Körperlichem auf
Unkörperliches übergehend, ſprach ich etwa folgendes zu
mir ſelber: ‚Was dir heute bei Beſteigung dieſes Berges
15 ſo oftmals widerfahren, wiſſe, daß dies auch dir wie vielen
andern auf dem Wege zum ſeligen Leben widerfährt,
aber es wird darum von den Menſchen nicht hoch ange—
ſchlagen, weil des Körpers Bewegungen einem jeden
offenkundig ſind, die der Seele aber unſichtbar und ver—
20 borgen. Siehe nun, auch die Seligkeit ſteht auf erhabener
Höhe; ein ſchmaler Pfad führt zu ihr hin, viele Hügel
ragen dazwiſchen, und von TCugend zu Tugend muß mit
fürſichtigen Schritten gewandelt werden.
„Auf dem Gipfel iſt das Ende und Ziel unſers Lebens,
25 auf ihn iſt unſre Wallfahrt gerichtet.
„Dorthin wollen alle gelangen, aber wie Ovid ſagt:
‚Velle parum est, cupias ut re potiaris oportet“.
„Und wenn du nun entſchieden empor verlangſt, was
hält dich zurück? Nichts anderes, als daß der Weg durch
z0 die Freuden der Erde und ihre Niederungen ein ebnerer
und beim erſten Anblick zweckmäßigerer erſcheint. Aber
nach langem Herumirren oder unter der Laſt übel hinaus-
geſchobener Arbeit bleibt dir doch nichts übrig, als grades
Weges zum Gipfel der Seligkeit emporzuſteigen oder aber
35 in den Tälern deiner Sünden ermattet niederzuſinken

1 „Das Wollen genügt nicht, du mußt dich der Sache bemachtigen“, er⸗
mahnt Ovid die Gattin, die ſich für ſeine Rückberufung aus der Verbannung
einſetzen ſoll („Ex Ponto“ II, 1, 35).

Scheffel. IV. 12


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