Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 181
(PDF, 113 MB)
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Ein Tag am Quell von Vaucluſe. 181

„Ich geſtehe, daß ich ſehr betroffen war; meinen etwas
zu hören begierigen Bruder bittend, mir nicht beſchwerlich
zu fallen, ſchloß ich das Buch, ich zürnte mir ſelber, daß
ich auch jetzt noch irdiſche Dinge bewundert hatte, da ich
längſt ſchon ſelbſt von den Philoſophen der Heiden lernen
gekonnt, daß nichts wunderbar als der Geiſt, und daß,
wenn dieſer groß, nichts anderes mehr groß erſcheint.
Dann aber, ſattſam zufrieden, den Berg geſehen zu haben,
wandte ich den innern Blick in mich ſelber zurück, und von
jener Stunde an war keiner, der mich reden hörte, bis
wir in der Tiefe unten wieder anlangten. Genug der
Beſchäftigung hatte jenes Wort über mich gebracht, ich
konnte nicht glauben, daß es zufällig ſo eingetroffen; alles,
was ich geleſen, ſchien mir in bezug auf mich, nicht auf
andere geſagt; ich erinnerte mich, wie Auguſtinus ſelber
ein ähnliches erlebt.
„Der Reſt meines Leſens war Schweigenz; ich bedachte,
wie arm an Rat die Sterblichen, wie ſie, ihr edelſt Teil
vernachläſſigend, ſich über ſo vieles verbreiten und an
leerem Schauſpiel ereiteln, wie ſie das, was im Innern zu
finden iſt, äußerlich ſuchen, und ich bewunderte die edle
Anlage unſers Geiſtes, der nur leider aus freiem Willen
entartet, von ſeinem primitiven Gehalt abgewichen iſt und
das, was ihm Gott zu ſeiner Ehre verliehen, ins Gegenteil
verwandelt hat.
„Wie oft, meinſt du, hab ich an jenem Tage, talabwärts
ſteigend und rückwärts gewendet, den Gipfel des Berges
betrachtet, aber ſeine Höhe ſchien mir kaum mehr die Höhe
einer Stube, verglichen mit der Höhe menſchlicher Kon—
templation, wenn dieſelbe nicht in den Schmutz irdiſcher
Niedrigkeit getaucht iſt. G
„Das auch fiel mir bei jedem Schritte ein: Wenn es
uns nicht verdrießt, ſo viel Schweiß und Mühſal zu er⸗
tragen, um den Körper dem Himmel ein weniges näher zu
bringen: welches Kreuz, welch Gefängnis, welcher Stachel
darf eine Seele ſchrecken, die ſich Gott nähern will! ...
Unter ſolchen Erregungen des Herzens kam ich
ohne ein Gefühl des ſteinigen Fußpfades wieder bei jener


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