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Skizzen aus dem Elſaß. 183
tauſend Einwohnern, im achten Fahrhundert als villa
Rodasheim, im dreizehnten als oppidum Rodesheim er-
wähnt und erbaut in Form einer von einer Stadtmauer
umgrenzten Ellipſe, welche eine lange Hauptſtraße und
eine kürzere Querſtraße, jeweils von einem Torturm ab—
geſperrt, rechtwinklig durchteilen.
Mit der von Straßburg nach Barr führenden Eiſen—
bahn angelangt, durchſchreiten wir das öſtliche Stadttor,
einen ſchiefergedeckten Turm, über deſſen Spitzbogen in
modernem Freskobild eine Madonna mit dem Kinde das
Wappen der Stadt, als deren Schutzpatronin ſie verehrt
wird, dem Wanderer entgegenhält. Die elſaſſiſchen Städte
lieben ihre „armoiries parlantes“; etwas mehr Vertraut-
heit mit älterem Deutſch dürfte manche poetiſch an—
ſprechende Heraldik berichtigen, und wenn auch ſelbſt die
Madonna einen Schild mit goldener Roſe im roten Feld
hält, ſo leitet der unerbittliche Sprachforſcher dennoch
„Rodesheim“ nicht von den Roſen ab und würde in einem
rodenden Bauern ein zwar minder poetiſches, aber rich—
tigeres Stadtſymbol erblicken; wie er ſich aus gleichem
ſprachlichen Grunde kaum entſchließen wird, das elſaſſifche
Rodesheim im edlen Wettſtreite mit dem bayeriſchen
Roſenheim am Inn für die Vaterſtadt des Minneſängers
„Chuonze von Roſenheim“ zu erkennen, von welchem die
Maneſſeſche Sammlung ſechs Strophen zu Ehren der
Frauen aufzeichnet.
Sicher beglaubigt unter Rosheims frühmittelalter⸗
lichen Erinnerungen ſind ſeine nahen Beziehungen zum
Kloſter Hohenburg auf dem Odilienberg. Dieſes übte,
den Kaiſer ſtellvertretend, auf aller ihm zugehörigen „ſali-
ſchen Erde“ eine volle Souveränetät und beſaß „einen
freien Dinghof zu Rosheim gelegen, da gehöret Ding und
Twing und Bann hin“; es hatte Meier und Kellermeiſter,
Büttel und „Ochſener“ ſowie einen Heimbürgen daſelbſt.
Der Meier hielt als Amtmann des Kloſters dreimal im
Jahre „Ding“, das heißt Gericht und dreimal „Botſchaft“,
das heißt Ergänzungsgericht. Am erſten Tag nach Sankt
Martins Tage hatten vor ihm zu erſcheinen alle, „die zu
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