Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 189
(PDF, 113 MB)
Bibliographische Information
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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Skizzen aus dem Elfaß. 189

einigermaßen an den Vers erinnert: „Auf dem Dache
ſitzt ein Greis, der ſich kaum zu helfen weiß“ — ſodann
auf der dreieckigen ſchiefen Ebene nach Süden, ebenfalls
in ſitzender Stellung der Orientalen, das rechte Bein
5 ſtumpfwinklig nach innen gebeugt, ein ſchöner vollbärtiger,
baretttragender Mann, der mit der Linken den Unter⸗-
ſchenkel hält, mit der Rechten aber eine große Burſa oder
Geldtaſche.
Dieſe realiſtiſch und gut gemeißelten Steingeſtalten
10o in Verbindung mit den vier menſchenverſchlingenden
Tierungeheuern der Eckpfeiler und dem großen Vogel auf
dem Giebel der Vorderfaſſade ſowie den vierundzwanzig
Menſchenköpfen am Säulenkapitäl des Langhauſes deutet
nun die Legende alſo: Der in Verzweiflung auf dem
15 Dach Sitzende iſt der Graf von Salen, dem zur Strafe
ſündhaft heidniſchen Treibens die Wölfe ſechs Söhne und
ſechs Töchter gefreſſen. Er gelobte zur Buße die Kirche
zu bauen, ein Vogel ſchwirrte nieder und wies die Bau—
ſtelle, eine Waldkapelle unter hohen Linden. Der Bau
20 dauerte zwölf Fahre; während jeden Baujahres ſchenkte
die Frau Gräfin als Erſatz für die von den Wölfen gehol—
ten ihrem bußfertigen Ehegemahl wieder ein ſchönes Kind.
Einmal aber ging das Geld aus und mußte ringsum neue
Bauſteuer eingetrieben werden, des zum Zeugnis ſitzt
25 auch der Architekt auf dem Dach mit der Geldtaſche.
In der Nähe von Rosheim iſt ein Hofgut, welches heute
noch der Bildhauerhof heißt.
Mag es ſich nun mit dem mythiſchen ſaliſchen Grafen,
ſeinen vierundzwanzig Kindern, ſeinem Adler, ſeiner Geld⸗
z0o klemme und ſeinem Architekten ſo oder anders verhalten,
jedenfalls deuten dieſe plaſtiſch energiſchen Steingeſtalten
an, daß der Menſch, wenn er auf ſchiefe Ebenen geraten
iſt, ſich nur durch feſtes Knieeinſtemmen vor Hinabrutſch
bewahrt, und daß es beim Kirchenbau wie überhaupt in
55 jeder Lebenslage ratſam iſt, allzeit ein gefülltes Porte—
monnaie zu haben.
Mit dieſer Nutzanwendung, die wir aus dem Bau⸗
humor der Bildhauer und Freimaurer dieſer altehrwürdi—


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