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19909 Reiſebllder.
dert, hat vor einigen Fahrzehnten als Waldbruder hier
geklausnert.
Wir überſchreiten dann den Graben, um zu dem auf
den Sandſtein aufgetürmten Teil des Schloſſes empor—
zuſteigen. Von Tor zu Tor, deren eines mit neuerdings
eingeriſſenem Mauerwerk im Schlußſtein ein Doppel-
wappen, rechts den ſtraßburgiſchen Querbalken, links drei
übereinanderſtehende fünfblätterige Roſen aufweiſt, führt
der gepflaſterte Burgweg bis zu dem von Stoßfalken be⸗
niſteten geborſtenen Wartturm, deſſen Fundament der
kühn überwölbte Fels iſt. Große Verhältniſſe und große
Landſchaft umgeben uns hier; die Abendſonne wirft
warme Färbungen auf die Waldrücken des Breuſchtales,
auf den hohen Donon ob Schirmeck, auf die Nidekker und
Haslacher Berge, während dämmernde Schatten ſich über
das von Sägmühlen belebte nahe Mageltal und den jen⸗
ſeitigen Nachbarberg, den von uralter Ringmauer kunſtlos
umfaßten, laubgrünen Heidenkopf zu lagern beginnen.
Der Kuckuck des Girbadener Bergwaldes aber, deſſen Früh⸗
lingsruf wir hier oben genau belauſcht haben, ruft nicht,
wie ſeine deutſchen Brüder jenſeits des Rheins, zweiſilbig
Guckguck! ſondern dreiſilbig in anapäſtiſchem Metrum:
Guckguckguck! und wenn wir die naturgeſchichtlichen
Gründe dieſer provinzialen Beſonderheit auch nicht ken-
nen — wir ehren ſie.
Im Innern der Trümmermaſſen unterſcheiden wir
ein anſehnliches Gebäude, deſſen Südſeite einſt von vier
großen, ſäulengeſchmückten Rundbogenfenſtern durch—
brochen war. Aus den Hügeln von Schutt und Einſturz
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haben Ausgrabungen, veranlaßt durch den früheren Be- 30
ſitzer Baron Wangen und die archäologiſche Gefellſchaft,
eine Anzahl Säulentrommeln, Kapitäle, Würfelgurte in
der rührend ſchwerfälligen Plaſtik des frühromaniſchen
Stiles zutag gefördert, die nun wieder in maleriſcher Ver⸗
wirrung den Boden decken. Die Schloßkirche, der heiligen 35
Katharina geweiht, ſei hier geſtanden, ſagt unſer Führer,
und da einſt „rote Ritter“, d. h. Tempelherren, als Lehen⸗
träger der Biſchöfe von Straßburg bis zur Austilgung
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