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Stizzen aus dem Elſaß. 199
die ſelbſt wieder zum Berg zu werden droht. Seit Hie-
ronymus Gebweiler „Sankt Odilien fürſtlichen Herkom-
mens, heiligen Lebens und Wandels Hiſtorie ſamt
Stammbaum“ im Fahre 1521 „geſtellt“ und zu Straß—
5 burg in Druck gegeben hat — ſeit Schöpflin, Silbermann,
Pfeffinger, Karth, Rey, Levrault, Schir die Vergangen-
heit und Topographie erforſcht und mit Planen und Auf-
nahmen verdeutlicht haben, bis zu dem ungenannten weg⸗
und herbergenkundigen Verfaſſer der „Feſtfahrt nach St.
10 Odilien am 2. Mai 1872, Straßburg bei Wolff“, iſt alles
geſchehen, um dieſen „Bergwürdigſten und Merkwürdig—-
ſten des Wasgau“ nach Verdienſt zu ehren und geiſtliche
wie weltliche Wallfahrer in ſeine Geheimniſſe und Mi—
rakel einzuweihen.
1s In verſchiedenartigſten Abſichten und Stimmungen —
den wildmaleriſchen Spuren der bemooſten Heidenmauer
folgend, oder auf gepflaſterter Römerſtraße oder auf
ſchattigkühlen Waldwegen — mag der Wanderer ſeine
Schritte zu dem ſiebenhundert Meter über Meeresſpiegel
20 ſich erhebenden Gotteshaus Hohenburg emporlenken: er
wird dem Genius Loci dankbar und mit dem Wunſch auf
Wiederſehen von dannen gehen.
Altitona — Hohenburg — Odilienberg; Gallier —
Römer — Germanen: von den Geſchichten aller lagert
25 auf dem Berg eine Schichte.
Sein ganzes Plateau dehnt ſich von dem füdöſtlichſten
Punkt, der Felsgruppe Männelſtein, bis zu dem nordöſt—
lichen Ende, etwa dem Köpfel ob Klingental, ſchmal und
langgeſtreckt, mit etlichen Ausläufern. Die Kuppe, welche
z0 das Kloſter der heiligen Odilia trägt, iſt ein in deſſen Zen⸗
trum vorſpringendes Vorgebirg' von roten grobkörnigen
Sandſteinfelſen, die ſenkrecht, ſteil unzugänglich aus den
umgebenden Wäldern ſich erheben. Dieſe Felſen bilden
hier, wie an andern Stellen der Hochfläche, einen natür-
35 lichen Wall. Da, wo die Abhänge ſanfter und zugänglicher
ſind, iſt von Menſchenhand in graueſter Vorzeit der Qua—
derwall der Heidenmauer aufgetürmt, die, genau der Kon⸗
tur der Hochfläche folgend und alle natürlichen Vorteile
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