Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 210
(PDF, 113 MB)
Bibliographische Information
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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210 Reeiſebilder.

Oder, wenn Schnee die Höhen deckt und Chriſti Geburt
gefeiert wird, jenes ſeltſame, etwas vom wilden Fubel der
heidniſchen Winterſonnwendfeier verratende Weihnacht-
lied:

„Leto lata concio 5
Cinoẽl resonat tripudio
Ginoẽël hoc in natalicio.
Cinoël, cinoæël,
Noël, noël, cinoeël,
Noël, noël, noël, noël, noëli.“ 10

Ein ſchwermütiger Bild aber kann ſich vor dem Auge
des in die Hohenſtaufenzeit rückblickenden Forſchers nicht
erheben als im Kloſtergarten an einem jener traulichen
Mauerplätzlein mit der herrlichen Rundſchau, unweit der
Tränenkapelle die hohe Geſtalt einer in Trauer gehüllten 18
Verbannten, Sibylla, König Tankreds Witwe von Sizi⸗
lien, umgeben von zwei Töchtern und getröſtet von Her⸗
radis der Abtiſſin, welcher Siziliens Eroberer, der Hohen⸗
ſtaufe Heinrich VI., 1195 die erlauchten Gefangenen zur
Obhut geſandt hat, während Sibyllens Sohn, des Augen- 20
lichtes geblendet, auf der Feſte Hohenems ſeine Tage ver⸗
trauern muß.
Das heutige Kloſter der heiligen Odilia, nach den
Stürmen der franzöſiſchen Revolution 1851 durch eine
Art elſäſſiſche Landeskollekte vom Biſchof zu Straßburg 25
neu aufgerichtet und vom Generalvikar Schir mit Kunſt-
verſtändnis baulich hergeſtellt, gehört Schweſtern vom
dritten weiblichen Orden des heiligen Franziskus und
etlichen mit Wald- und Feldarbeit beſchäftigten Laien—
brüdern. Es gewährt eine einfache anſpruchloſe Gaſt- 30
freundſchaft. Einen ſchwereren Tag aber hat die würdige
Saperiorin oder „Frau Mutter“ (Druis Antistita wäre zu
Cäſars Zeit der älteſten Druidin richtiger Titel geweſen)
ſamt 'allen Nonnen hier oben wohl nicht erlebt, als den

niedertraäufelnd. greue dich und finge, blühende Schar der Zungfrauen, deren
Orden die Erde ziert. Heilige Verehrung, einfältiger Miene, keuſcher und
demütiger Sinn iſt derm Bräutigam und Heiland Chriſtus gefällig.“ — 1 „In
frohem Tanze ruft die große Verſammlung,‚‚CEinoel’ an dieſem e fesi “


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