Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 211
(PDF, 113 MB)
Bibliographische Information
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Skizzen aus dem Elſaß. 211

zweiten Mai im Jahre des Heils 1872, als die deutſchen
Feſtgäſte, die der feierlichen Eröffnung der Univerſität
Straßburg angewohnt hatten, das Kloſter mit friedlichem
Überfall und — um das Wort des Lucanus nochmals
ſcherzhaft zu gebrauchen — „mit ſchrecklichem Feſtbrauch“
heimſuchten; ſtatt vierhundert, wie angemeldet war, wohl
fünfzehnhundert an der Zahl. Da hub ſich deutſchen
Studentenlebens fröhlicher Schall unter den Linden des
ſtillen Kloſterhofes, da ward in Hallen und Gängen, vor
i0o Küchen und Kellerpforten in freundlich wirrem Gedräng
der „Kampf ums Daſein“ geſtritten, um Schüſſeln mit
Rettichen, mit Fleiſch und grüßenden Salaten, da ſah man
einen verehrten Feſtgaſt fürſtlichen Standes nicht ver—
ſchmähen, den Kloſterwein in Ermangelung des Glaſes
15 aus alter Kaffeeſchale zu trinken, da lagerten in bunten
Reihen Kriegsleute, Studenten und Männer der Wifſſen-
ſchaft, und donnernder Fubelruf umdröhnte die Ruhe—
ſtatt des Herzogs Attich und der heiligen Odilia, als
Bertold Auerbach dem glorreichen deutſchen Heer, dem
Heer des Mutes und der Bildung, und als der Elſäſſer
Egbrecht Graf Dürkheim-Montmartin dem Kaiſer Wil—
helm ihre beredte Huldigung brachten.
Auf des Männelſteins Felsterraſſe aber, wo nachher
der Feſtzug die zweite fröhliche Bergraſt hielt und der
25 Ausblick in die maigrüne Pracht der Landſchaft ſonnen—
rein und duftig war wie je, ſtand wie ein ehrwürdiger
Wasgaudruide Kolmars Staatsprokurator Vaccano und
hielt in deutſcher Sprache dem verſammelten Volk eine
Bergpredigt, die klang, als ſolle der uralte Geiſt des Wa—
z0 ſichen in ſeinen Bergen aufgeſtört werden und mit be—
wegten Wipfeln ſeiner Bäume mitrauſchen in den Feſt—
jubelruf der Epigonen: „Das ganze Deutſchland vom Fels
zum Meere hoch!“



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