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21¹6⁶ Epiſteln.
denſchlag dumpf erklungen war, das zweite Weſen, das
ich allhier erblicken ſollte, — der ſchnöde Nachtwächter.
„Loſet, was i euch will ſage! L
D'Glocke het zwölfi g'ſchlage“,
ſang derſelbe krähend — oder krähte derſelbige ſingend (ich
laſſe euch vollkommen freie Wahl), aber den ſchönen Zuſatz!
„An wo no in der Mitternacht L
E Gmüet in Schmerz und Chummer wacht,
Se geb der Gott e rüeihige Stund
Un mach di wieder froh und g'ſund“,
dieſen ſang der ſchnöde Nachtwächter nicht; er ſchien ihm
nicht in ſein Syſtem des Nachtwächterns zu paſſen, was
ich ihm ſehr verübelte. Allmählich fand ſich auch noch ein
ferneres Weſen, was mir ein kühles Gaſtzimmerchen i im
„Knopf“ zur Verfügung ſtellte.
Wenn einer einen Tag lang bei ſchneidender Kälte und
vielem Schnee teils eiſenbahn-, teils omnibusweiſe in
der Welt herumgefahren iſt, dann weiß er den tiefen Zau—
ber des Spruches, den Marie leichtſinnigerweiſe auf den
Oberflächen weißer Zipfelkappen anbringt, zu würdigen:
— „Schlafe, was willſt du mehrs!“ — Ich tat's.
Geträumt habe ich übrigens ſowohl das erſtemal da—
hier als ſeithero lediglich nichts; iſt auch gar nicht nötig,
hab' ich doch ſeit dem März 1848 ſo viel geträumt, daß
ich noch geraume Zeit an dem Vorrat zu zehren haben
werde. Wenn ich hier ein Tannenbaum wäre, in dieſem
ungeheuerlichen Schnee, dann würde ich es ſehr paſſend
finden, von einer Palme zu träumen i im heißen Morgen-
land“. — —
Nach dieſer unjuriſtiſchen Abſchweifung von Träumen
komme ich in die realſte Wirklichkeit zurück, nämlich aufs
Amthaus zu Säckingen. Dorthin verfügte ich mich am
Montag morgen, ward vom Oberamtmann, meinem
Herrn und Meiſter, günſtig aufgenommen und gleich in
meinen Geſchäftskreis eingewieſen, den übrigen Beamten
1. Aus Hebels Gedicht „Wächterruf“. — 2 Die Schweſter. — ³⁸ Kehrreim
aus Goethes Gedicht „Nachtgeſang“. — ⁴ Nach Heines bekanntem Gedicht;
„Ein Fichtenbaum ſteht einſam.“
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