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gacinger Epiſteln. 1. 217
vorgeſtellt, beſtehend aus einem Aſſeſſor Loſinger und
einem vorſündflutlichen, uralten Rechtspraktikanten Gam
ber, der einmal hier vergeſſen worden und ſeitdem auf
der Amtsſtube ſtehengeblieben iſt; übrigens ein treffliches
s Gemüt; — den Neujahrs-Abend brachte ich ſang- und
klanglos bei den Honoratioren aus dem Leſeverein zu und
zog mich bald in meine Stube zurück und las noch i im alten
Hebel, der mir überhaupt noch manchmal eine Medizin
ſein wird.
100% Von Freud' und Becherklang iſt, glaube ich, in ganz
Säckingen nicht viel die Rede geweſen am Neujahrstag;
die Schlußrechnung fürs Jahr 1849 war zur Hervor-
bringung anderer Stimmungen viel geeigneter.
Den 1ten Januarii 1850 iſt Neujahr geweſen. An
1s dieſem Tag hab' ich mir eine Wohnung geſucht und ſelbe
auch beim Bürgermeiſter Leo dahier gefunden, und iſt ſie
auch kein Salon, ſo koſtet ſie hiergegen auch nur 4 fl.
monatlich und iſt, wie ich von allen Seiten verſichert
worden, eines der „nobelſten“ Zimmer dahier. Alsdann
20 hab' ich ein paar Beſuche gemacht, — unter andern auch
beim Poſthalter Malzacher, der ſich Vater? beſtens emp⸗
fiehlt, — und nachmittags in Begleitung mehrerer Bieder⸗
männer und deren Gemahlinnen einen ehrſamen Spa⸗—
ziergang nach Stein in der Schweiz unternommen, der
25 zu allgemeiner Befriedigung ausfiel. Seit Mittwoch ſitze
ich nun „feſtgemauert in der Erden“, d. h. in meiner
Amtsſtube, und helfe mit an der Weltverbeſſerung durch
Vermehrung der Akten-Faszikel, und wenn mir hie und
da ein Skrupel kommt, ſo denke ich an das alte Lied:
30 „Vorm Schreiber muß ſich biegen
Olſt manhper ſtolze Held
Und in den Winkel ſchmiegen,
Ob's ihm gleich nicht gefällts.“
und ſchreibe wieder weiter und weiter im Gefühl meiner
35 Würde, daß die Feder knarrt und das Papier rauſcht und
1 Nach bem badiſchen Aufſtand. — ² Oer Vater war einmal in Säckingen
beim Straßenbau tätig geweſen. — ⁸ Schlußſtrophe des Liedes „Würde der
Schreiber“ in „Des Knaben Wunderhorn“ (Ausg. von Voxberger, Bd. 1, S. 451).
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