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218 Epiſteln.
brauſt. In dieſen Mittelpunkt meines hieſigen Lebens,
in dieſe Schreibſtube, wo alle Wurzeln meiner Kraft
liegen, muß ich Euch aber noch des nähern einführen.
Gebt mir alſo Euren Arm und folgt mir.
Seitab vom Marktplatz von Säckingen, von der Kirche
weg nach dem Rhein hin, ſteht eine Reihe hochgiebliger
alter Gebäude mit ſpitzbogigen Türen, vergitterten Fen—
ſtern ꝛc. In dieſen hauſt der Staat, das heißt: das Amts⸗
reviſorat, die Bezirksforſtei und das Bezirksamt. Das
ſtattlichſte der Gebäude, ein dreiſtockiges Haus, iſt das
Amthaus. Durch eine alte Bogentüre tritt man ein in
die Vorhalle, die, mit Gewölbeſtellungen verſehen und
auf zwei Säulenpfoſten ruhend, den Weg nach den ver⸗-
ſchiedenen Amtsſtuben eröffnet. Wir gehen aber noch
nicht ſo ſchnell weiter, ſondern verweilen eine Zeitlang bei
den ſinnigen Inſchriften der Halle. Bei den Türken iſt's
eine ſchöne Sitte, die Wände der Moſcheen und öffent-
lichen Ggbäude mit Sprüchen aus dem Koran zu verſehen.
Der deutſche bureaukratiſche Staat kennt nur einfach ge—
weißelte Wände. Aber der biedere Sinn des Volkes hat 2
hier ergänzend gewirkt und mit zarten Sprüchen aus dem
Hauenſteiner Koran die kahlen Mauerwände geſchmückt'.
Ich ſetze einige bei, wie ich ſie aus der bunten Samm⸗
lung noch im Gedächtnis habe. Alſo z. B.:
„Wenn doch nur ein heiliges Kreuzdonnerwetter das 25
ganze Amthaus verſchlüge!“ oder
„Allmächtiger Vater, ſchenk' doch den Amtsherren
einen beſſeren Verſtand, daß ſie bürgerliche Rechtspflege
beſſer führen!“ oder
„Lange warten müſſen, macht zornig“ — oder 30
„Heute iſt Fohannes N. von Herriſchried hier geweſen
und hat dem Amtmann tüchtig die Wahrheit geſagt!“ —
oder
vEine Republik wär' halt doch das allerbeſte!“ — oder
„Wenn ſich alles von ſelbſt erledigte, dann wäre gut 35
Oberamtmann ſein!“ u. a. m.
(n
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1 Bgl. oben, S. 68.
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