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232 Epiſteln.
Dame von Paris, der ich am Wolfsbrunnen zu Heidelberg
im Rauſchen des Quells und der Linden erklärt hatte,
was das germaniſche Gemüt ſich unter dem Begriff „träu⸗
men“ für eine unendliche Welt vorſtelle, und die mir dar⸗
auf höchſt naiverweiſe geantwortet: „Oh que je puisse
rêver avec vous!“ und dachte ferner an die kleine Couſine
Ida' mit großen, blauen Augen und ſo weiter und hätte
ſchließlich beinahe folgenden Beſchluß zu den Akten ge—
ſchrieben:
„In Erwägung, daß in Großlaufenburg ein Onkel
meiner Couſine Ida wohnt?; — in Erwägung ferner, daß
dieſer Biedermann zwar Fürſprech und Großrat, mir aber
völlig unbekannt iſt; — in Erwägung jedoch, daß dieſer
Mann notwendigerweiſe eine ſchöne Tochter beſitzen muß;
in Erwägung, daß die Bekanntſchaft dieſer Tochter, die
derſelbe notwendigerweiſe beſitzen muß, weſentlich zur
Erweiterung meines Couſinenſyſtems beitragen wird: be⸗
ſchließt der Reſpizient für Kriminalſachen, heute nachmit-
tag nach Großlaufenburg zu gehen, um die Tochter zu
entdecken, die der Fürſprech Heim notwendigerweiſe be—
ſitzen muß.“
Dieſer Beſchluß wurde alsbald ausgeführt. Es wölbte
ſich gerade ein prächtiger, dunkelblauer Himmel über Berg
und Tal und wehte ein halbes Frühlingslüftlein, daß
ſelbſt der geſtrenge Oberamtmann die Verſäumnis der
Kanzleiſtunden für entſchuldbar fand. Ein Begleiter war
auch bei der Hand, nämlich der rotbärtige Militärarzt aus
Weſtfalen, und alſo wanderten wir am Mittag des
„ſchmutzigen Donnerstags?“ über die alte hölzerne Rhein⸗
brücke hinüber gen Großlaufenburg, er, um chirurgiſche
Inſtrumente zu kaufen, und ich, um meine helvetiſche
Couſine zu ſuchen. Und marſchierten friſch zu, durch aller⸗
lei Maskenſpuk im Dorfe Siſſlen und durch einen großen
Tannenwald, und ſprachen allerlei über deutſche Politik,
wobei ſich herausſtellte, daß unſere Anſichten ſo gleich—
1 Ida Heim, die Schweſter Enmas. — ² Bgl. das Gedicht in Band 1
dieſer Ausgabe, S. 364.— ³3Schmutzig“, alemanniſch = fett; der „ſchmutzige
Donnerstag“ heißt der Donnerstag vor Faſtnachtsſonntag.
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