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Säckinger Epifteln. 4. 239
erſten Viertelſtunde wurde das Wetter ſo gemütlich, daß
wir ſämtliche Spritz- und anderen Leder aufzogen und
wie die Familie Noah durch die ſündflutlichen Regen
weiterſteuerten.
Vor Willaringen war mir's faſt, als ſei der Meyſen-
harts Joggele unter einer Tanne geſeſſen und hätte ge—
kichert: „Wart', du vermaledeiter Doktor, wenn du dir
einen Faſtnachtsſpaß machſt, ſo mach' ich mir auch einen;
— und mit dir habe ich ohnedies noch darüber abzurech⸗
10 nen, daß du mir in deiner Epiſtel II ſo viel Spott angetan
und mich beim Karlsruher Stadtvolk ins Geſchwätz ge—
bracht haſt. Und trotzdem, daß dir dein biederer Vater,
der mich übrigens auch nicht umſonſt ins Lateiniſche über-
ſetzt und den daemonibus malignioribus beigerechnet
15 haben ſoll, einen vermeintlichen Schutzpatron* gegen mich
überſendet, werd' ich heut noch und in der Zukunft ein
Wörtlein mit dir reden.“
Diesmal fuhren wir aber, ohne uns um den Meyſen-
hart und meinen Freund Balthes und ſein Breneli zu
20 kümmern, weiter, und erſt in Rickenbach ward haltge⸗
macht. Und hat mir's allda ſchier noch beſſer gefallen wie
beim Balthes; denn der Rößlewirt von Rickenbach ſchüt-
telte uns grad' ſo freundlich zum „Willkomm“ die Hand,
hatte aber andrerſeits nicht nur ein Maidli im Haus,
25 ſondern drei, und war das Koſtüm von's Balthes Tochter
ohne konſtitutionelles Gleichmaß, ſo war es das von's
Rößlewirts Maidlin noch viel weniger. Die waren näm—
lich ſchon im Ballanzug. Der beſtand aus einem ſchwar-
zen Pechkäppli als Haube, einem geſtickten kurztailligen
30 Mieder und einem ins unendliche gefältelten Rocke, der
aber den roten Strümpfen noch ſo viel Raum zu ſelb—
ſtändiger Entwicklung geſtattete, daß daraus hervorging,
wie der Begriff eines „Volants“ noch nicht nach Ricken-
bach gedrungen ſei. Dazu kam ein Syſtem von unendlich
aufgebauſchten, reichfaltigen Armeln bis an den Ellen-
* Mit Bezug auf die Epiſtel II geſchilderte Irrfahrt hatte des
Verfaſſers Vater demſelben eine Landkarte mit bumoriſtiſcher latei⸗
niſcher Widmung überſandt.
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