Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 247
(PDF, 113 MB)
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Säckinger Epiſteln. 5. 247

lini, der ſeinen irländiſchen Prinzentitel und allen Ruhm
und heidniſches Wiſſen an den Nagel gehängt hatte, um
zu Säckingen das Evangelium zu predigen, was wahre
chriſtliche Größe ſei, und polterte und lärmte und ſchlug
5 die Kanzelbretter ſchier entzwei und ſprach ſich zuletzt ganz
heiſer; o Fridolinus, Friedensprediger, zu deinen Ehren
ward mit Pauken und Drommeten Krieg gepredigt! Aber
die Menge lauſchte lautlos; der Redner wußte wahrſchein⸗
lich beſſer als ich, was man hiezulands für eine Sorte geiſt-
io lichen Tabak rauchen muß.
Dann kam das feierliche Hochamt, und gar lieblich
rauſchten die Töne der alten Kirchenmuſik und der Geſang
durch die hohen Räume; — und mancher verklungene
Klang aus der alten Zeit ward wieder wach in mir; —
1s trotz alledem und alledem bleibt's wahr, daß der katholiſche
Kultus etwas Mark- und Beindurchſchütterndes hat und
behalten wird bis ans Ende der germaniſchen Weltgeſtal⸗
tung.
Und gegen 11 Uhr wurde in feierlicher Prozeſſion der
20 Sarg mit den Reliquien Fridolini über den Platz und um
die Stiftskirche herumgetragen, voraus die weißgekleide-
ten Mägdlein von Säckingen mit der großen Madonna—
fahne, dann die Kirchenälteſten und die Geiſtlichkeit in
Pontificalibus', und der Bürgermeiſter, trotzdem er auch
25 ein halber Ketzer iſt, trug auch gar frömmiglich die weiße
Kerze, und ſogar die preußiſche Militärgewalt hatte 30
Fäger in Paradeanzug mit großem, ſchwarzem Reiher-
buſch auf der Pickelhaube zur Begleitung der Prozeſſion
beigeordnet.
*½ Und langſam bewegte ſich der Zug durch die dicht—
geſcharten Maſſen des Volks, die ſo gedrängt auf dem
Platze ſtanden, daß man auf den Köpfen hätte ſpazieren
gehen können; — und an der alten Fridolinslinde vor—
über, wo ſich einſt Fridolinus trübſelig unter freiem
35 Himmel ſchlafen gelegt hatte, weil ihn der damalige Wirt
„Zum goldenen Knopf“, ein ſchnöder Heide, zur Herberge

1 In ihrer geiſtlichen Amtstracht.


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