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248 Epiſteln.
hinausgeworfen hatte, um die Kirche herum, und feierlich
war's anzuſchauen, wie alles mit entblößtem Haupte die
Knie bog, als ſchließlich der Segen erteilt wurde. Dann
aber ward ein fröhlicher Tuſch geblaſen und man zer-
ſtreute ſich.
Wie ſich die verſammelte Menge die Weltentſagung
zu Herzen genommen hat, die ihnen der gewaltige Predi-
ger gepredigt, wird ſpäter noch erhellen; vorerſt ging's
nach germaniſcher Sitte nach allen Seiten in die Wirts-
häuſer. —
Ich ſelber feierte den Fridolinitag noch weiter. Den
deutſchen Grundrechten gemäß, welche die Kirche frei⸗
gegeben haben, habe ich mir meine eigene Kirche gebaut
und meinen eignen Kultus geſtiftet, und der hauſt nicht
innerhalb vier geweihter Wände allein, ſondern weiter.
Aus allem Menſchengewimmel und törichtem Treiben
gehe ich, wenn mir's zu bunt wird, hinaus in den Tann—
wald oder ſteig' auf Bergeshöhen und hör' dem Moos zu,
wie es wächſt, und der Lerche, wie ſie in blaue Lüfte
ſchmetternd ſteigt, und wer die Augen am rechten Fleck
hat, der ſieht in der Natur, in dem „Geiſt in ſeinem anders
ſein?“ gar manches, wovon nichts in den Kompendien der
Theologen geſchrieben ſteht, und es kommt wieder Har⸗-
monie und ein Hauch des Abſoluten ins zerriſſene Herz.
Und man braucht kein Nibelungen-Siegfried und mit
Lindwurmblut gefeit zu ſein, um zu verſtehen, was die
Tannen rauſchen und die BVögel miteinander ſprechen;
das Abe kann jeder lernen, und wer mir's leugnet,
den würde ich an einem blauen Abend von hier auf den
Eggberg führen, wo die ganze Kette der Schweizer Alpen⸗
rieſen vom Säntis an bis in die Berner Alpenhörner und
Gebirgsſtöcke hinein in glührotem Duft vor ihm ſteht und
tief unten der grüne Rhein in ewig gleichem Rhythmus
die Wellen weiter trägt — — wer das gefunden hat, kann
vieles miſſen, was andere zum Seelenheil für unentbehr-
lich halten. —
1 Artitel 5 der von der Frankfurter Nationalverſammlung feſtgeſtellten
„Grundrechte des deutſchen Volkes“. — ² Hegelſche Formulierung.
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