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Säckinger Epiſteln. S. 251
drei wackere Fuhrleute. — Fuhrleute, ein Schlag Men⸗-
ſchen, die nächſt den Hausknechten ſehr hoch in meiner
Achtung ſtehen! Prächtiges Leben, ſo auf der Heerſtraße
landauf landab fahren, einen Strauß am Hut und bei den
5 Kellnerinnen wohlgelitten und manchem Hausknecht innig
befreundet; und des Abends in der Schenke, wenn ſie's
einander zubringen:
„Stallbruder mein! Du biſt wohl wert,
Daß man dich auf'm Altar verehrt,
10 Haſt ein paar Wängelein
Wie ein Rubin,
Augen wie Schwarzenſtein,
Zähne wie Elfenbein,
Biſt ein gar kluger Kerl, —
1⁵ Wie ich es binl.“ —
Wie geſagt, ich liebe die Fuhrleute! Und wie germa⸗
niſch die drei ihren Abendimbiß verzehrten! Den Ellen—
bogen auf den Tiſch geſtützt, vor ihnen eine Schüſſel,
rieſenhaft mit Koteletts gefüllt, da ſtach jeder mit der
20 Gabel hinein und ſich ein ganzes Rippenſtück heraus, und
zum Mund geführt, die Gabel weg und am Knochen das
Stück gehalten und abgenagt: — was iſt alle Kultur und
Form gegen dieſe primitive Fuhrmanns-Arſprünglichkeit?
Am andern Tiſch ſaßen die ledigen Burſche mit den
2s Maidlin, und da wurde geſungen, daß es eine Freude
war, und aus viel modernem Geleier ſchaute da und dort
noch eine rechte Metallſtufe von Volkslied heraus, und
mein polizeiliches Gemüt ward nicht bös, als einer ſang:
„Hab' all mein Tag kein gut getan,
30 Hab's auch noch nicht im Sinn;
Die ganze Freundſchaft weiß es ja,
Daß ich ein Unkraut bin?.“ —
Und die andern dachten dran, daß nächſtens die Ziehung
zum Militär ſei und ſie vielleicht im nächſten Fahr in
35 Prenzlau oder Neu-Ruppin ſitzen müſſen, wo es kein
1 Schluß des Liedes „Der vortreffliche Stallbruder“ im 1. Bande des
„Wunderhorns“. — ² Anfangsſtrophe eines ſchon im 17. Jahrhundert be—
zeugten, auch Leſſing bekannten Volksliedes.
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