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Ein Bericht aus der Schweiz. 277
aufs Betteln dreſſiert, das hier in mannigfachen Formen
betrieben wird. Da ſchießt ein junger Tellen-Enkel mit
der Armbruſt und ein andrer ſchwingt ein Fähnlein und
fordert ſeinen Batzen, dort ſchleppt einer Bergkriſtalle
s bei uſw. „Am Golde hängt, nach Golde drängt doch
alles.“
Gegen Klus und Amſteg hin wird's ſchon wilder. Die
hohe Windgälle und andere konſiderable Honoratioren der
„haute volée“ recken ihre Häupter empor; auf melancho—
10 liſcher Felswand, grün umwachſen, ſchauen hinter Si—
lenen ein paar alte Mauertrümmer in die Reuß herunter,
die Reſte von Geßlers Sitz Zwing-Ari.
Hier iſt eine Epiſode nötig, um geſchichtliche Vorurteile
zu beſeitigen. Wer in dieſer öden Gebirgswelt zu Fuß
15 marſchiert, der hat die rechte Stimmung, um ins Gemüt
derer hineinzuſchauen, die auf dieſen Burgen hauſten und
als Zwingherren verſchrieen ſind. Wir beide, der Profeſſor
der Geſchichte und der fahrende Schüler von Säckingen,
wurden geneigt, milder zu urteilen. Schade, daß die Zeit
20 der deutſchen Romantik vorüber iſt, unſere Auffaſſung
würde Aufſehen erregen.
Man denke ſich den germaniſchen Freiherrn — Geß—
ler oder Landenberg oder wie er heißen mag, — unter
ein zweifelhaftes keltiſches Volk und in dieſe Felseinſam-
25 keit hereingeſetzt, ein tugendhaftes, nüchternes, ſinniges
Gemüt. Aber hier hört aller Anklang auf. Der Fels ſtarrt
ihn an, die Reuß brauſt langweilig gleich zu ihm herauf,
die Menſchen verſtehen ihn nicht, kein Sang, keine Minne
— nichts. Es überfällt ihn eine ungeheure germaniſche
30 Melancholie. Er ſitzt in ſtillem Schmerz beim Humpen
und trinkt den welſchen Landwein mit tiefer Innerlich—
keit. Auch das hilft nichts. Iſt's da ein Wunder, daß zu—
letzt eine Saite oder zwei in ſeinem Seelenleben reißen?
Er bedarf etwas Pikantes, die Natur, Erde und Wolken
35 ſind hier barock — er verfällt auch aufs Barocke und treibt
Unſinn, ſteckt ſeinen Hut auf eine Stange, läßt einen Tell
1 Ludwig Häuſſer aus Heidelberg.
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