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Ein Bericht aus der Schweiz. 285
mir herabſteigen, im übrigen ſeien die Prügel bei uns
wohlfeil zu haben.
Die Verſammlung ſchien überzeugt, der vorgeſchlagene
Rechtsboden vor dem podestà d'Airolo war vermutlich
5 für ſie etwas ungenügend — wir zogen ohne weiteren
Skandal ab. Es ſtand freilich noch zu vermuten, daß hinter
einer Straßenecke ein paar Geſtalten vorbrechen oder uns
mit geworfenem Felsſtück oder Meſſer den Dank für die
Schläge zurückerſtatten würden — aber die Natur freute
10 ſich ob uns und hüllte alles ringsum in einen Nebel ein,
der uns wie Siegfrieds Tarnkappe unſichtbar weiter mar-
ſchieren ließ.
Keine drei Schritte ringsum ließ ſich die Gegend er⸗—
kennen, in grauer Unermeßlichkeit lag alles vor und unter
15 uns, nur die großen Granitpfeiler zur Seite der Straße
ließen den Weg verfolgen — oder ein dumpfes Rauſchen
des ſeitwärts bergab eilenden Teſſin warnte vor fal—
ſchem Pfad.
Da, wo die neue Straße rechts ab ins Val Vedretto
20 führt, trafen wir eine menſchliche Behauſung und einen
halbwilden Hirtenknaben, der mißtrauiſch unter ſeiner mit
Adler- und Geierfedern ausſtaffierten Kappe hervorlugte.
Nach gepflogener Zeichenſprache aber, bei der ein Zwan-
ziger die Hauptrolle ſpielte, fand er ſich bereit, uns auf
25 näherem ſteilen Fußpfad nach Airolo herabzuführen.
Bald waren wir unten; für die möglichen großartigen
Punkte waren wir freilich unempfindlich, Waſſerfälle und
Felſen blieben durch uns unberückſichtigt, Herz und Sinn
der abermals bis zur Haut Durchnäßten war nach einer
30 Herberge gerichtet. Dieſe, und zwar eine gaſtlichere als
auf dem Hoſpiz, fand ſich denn auch im albergo Camossi
zu den drei Königen, wo ſich der müde Menſch, ſoweit
tunlich, reſtaurierte. — — —
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