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286 Epiſteln.
Ein Bericht aus Welſchland.
Mediolani, den 2. Juni 1852.
In der Herberg des Vater Reichmann.
Ein Bericht des Doctoris Scheffel, ſo derzeit im Welſchland herum—
fährt, an den wohllöblichen Engeren in Heydelberg, von verſchie—
dentlicher Trinkung in Helvetia und Lamparter Land, — item vom
oguliniſchen Feldkapellan, — item von ſeltſamlichen Handelsgeſchichten
im Walliſer Land, ſo dem Meiſter Kießelbach* noch nit bekannt, aber
förderlich ſein werden.
Caput I.
Was die Schweiz anbelangt, ſo hört im Kandertal die
Kultur ziemlich auf. Und wie ich mit meinem Freund
Martinus, dem Steinhauer von Delsberg, in Kanderſteg
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angelangt, wohin uns der ſpitzbübiſch Wirt in ſeinem
gelben Camelotfrack nur deswillen nächtlicherweil gratis
in ſeinem Fuhrwerk mitgenommen, daß er uns als un—
freiwillige Gäſte in der Mausfallen fangen könnt' — (NB.
und da der Weg bergan ging, war die Wohltat die, neben
dem Fuhrweſen einherzuſchreiten) — da ſprach ich zu
Martino dem Steinhauer: „In dieſer Spelunk' bleib' ich
nit übernacht.“ Alſo wurd' ich zu des Wirts Bruder in eine
Kanderſteger chambre garnie gelegt. Ganz hat aber die
Kultur dort noch kein End', maßen ich auf meinem Nacht-
tiſch Herrn Brockes', weiland Amtmann zu Ritzebüttel
„Irdiſch Vergnügen in Gott“, beſtehend in „moraliſch
phyſikaliſchen Geſängen de 1740“ vorgefunden und mir
daraus über die gewaltige Natur der Schweizer Alpen
noch in ſpäter Mitternacht folgendes notieret:
„Welcher Menſch kann wohl begreiffen,
Wie ſich wohl an Einem Ort
So verſchiedne Felſen häuffen,
Und woher bald hier bald dort
* Mitglied des Engeren.
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