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Ein Bericht aus Welſchland. 287
Solche Häuffen Stein entſtehn?
Denn ſie ſind, wie leicht zu ſehn,
Nicht gebracht — weil ſie zu groß,
Nicht gewachſen — weil ſie los!¹.“
5s Ders andern Morgens früh 3 Uhr, als kaum die Hörner
der Alpen und die Schneefelder der Blümlisalp vom
grauen Morgenhimmel deutlich ſich abhuben, ſind nach—
ſtehende Perſonen berganwärts nach dem Schwaribacher
Mordwirtshaus geklommen, um über den Gemmi zu ſtei—
io gen: Matthias Flury, ein Kupferſchmied von Thun, deſſen
Tochter in einer berneriſchen Florhaube, Johannes Zen—
Reiffenen, ein Kupferſchmiedsknecht von Fruttigen, ſo
einem alten Bekannten von mir, dem verſoffenen Ritzi⸗
beck zu Oflingen im Säckinger Amt, auf ein Haar glich,
15 nur daß er einen größeren Kropf und ein noch keltiſcheres
Antlitz beſaß, item drei ſchmucke Weibsbilder aus dem
Berner Oberland, item Martinus, der Steinhauer von
Delsberg, und ich.
Und abgeſehen von mir, — der nit ganz in Kupfer⸗
20 ſchmiedsgeſchäften reiſt, und von Martino dem Stein—
hauer, der aus Siders im Walliſer Land gebürtig und nun
heimkehren wollt', um nachzuſehen, ob ihm ſeine Frau,
dieweil er zu Delsberg im Bergwerk ſchaffete, treu ge—
blieben ſei, — war dieſer Zug eine Handelskarawane.
25 Und geht der Handel im Berner Oberland und Wallis auf
ſonderbaren Pfaden, — ſo von dem glühenden Wüſten—
ſand des Orients merklich differieren. Hatte nämlich Mat⸗
thias Flury in Thun viel Kupfergeſchirr gefertigt, — allein
da ſelber ſeine Studien ſchon vor langer Zeit beendiget,
50o konnte er den neuen Stil nit ganz einhalten, und wurde
ihm ſeine Ware zum Ladenhüter.
Alſo ſprach Matthias Flury: „Was zu Thun im Ber⸗-
ner Land altmodiſch iſt, das muß im Oberwallis noch immer
das Modernſte ſein“ — und packte ſeine Waren, ſeine Toch⸗
35 ter und FJohannes Zen⸗Reiffenen, ſeinen Knecht, auf und
zog mit ihnen nach Kanderſteg und dem Wallis zu.
1 Strophe 12 des Abſchnitts „Die Berge“ (5. Aufl., Bd. 1, S. 278,
Bamburg 1752).
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