Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 291
(PDF, 113 MB)
Bibliographische Information
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Freiburg und der Oberrhein

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0291
5

10

15

35

Ein Bericht aus Welſchland. 291

— Caput II.

Item, wie ich vom Leuker Bad ins Rhonetal hinab—
geſtiegen, iſt mir ein anderweit Stück Oberwalliſer Han—
delsgeſchichte begegnet, ſo mir ſchier eine Gemütsaffektion
zugefüget. Hab' indes hier die Sach' nur in ethnographi⸗
ſcher Hinſicht, zu Frommen der Heidelberger Handels-
wiſſenſchaft, zu beſchreiben.
Waren lauter hohe, kahle Felſen und ein merkwürdig
Wildnis von Höhen und Abgründen, alſo daß z. B. vom
Dorf Albinen die Leut' nur auf Leitern herabſteigen zu
Tale. Marſchier' ich ſo ganz allein daher — item ſo kommt
ein ſauber Fungfräulein desſelbigen Weges gezogen, ſo
ein ſchmuck Gewand und eine Mantilla trug, und ſchier
mit gleichem Fug nach Notre Dame des Lorettes als auf
dieſen Alpenpfad gepaßt hätt'. Alſo geh' ich eine Zeitlang
ſchweigſam daher und kombiniere, was dies für ein Be—

wandtnis haben möcht'. Kam aber ein' große Windsbraut

über die Berg' her und ging mit Locken und Gewand des
Jungfräuleins unbarmherzig um. So faſſ' ich mir ein Herz
und ſag' im zierlichſten Franzöſiſch, ſo ich verfügbar hatt':
„Mademoiselle, le vent est si impoli, qu'il parait avoir
l'intention de vous emporter. J'ose vous offrir mon
bras.“ Und daß mit ſo zierlicher Anred' die Brück' zu einem
Geſpräch gebauet war, iſt deutlich.
Alſo erfuhr ich, daß ſelbiges Mägdlein die Modiſtin
von Sion war, ſo in Sommerszeit ein magasin de nou-
veautés, broderies et dentelles im Leuker Bad etablieret,
und war dieſelbe mit ihren Waren auf einem Maultier
über die Berge gen Leuk geklommen und hatte ſich ein—
gerichtet und ging nun zu Fuß auf ſchwindelndem Alpen-
pfad nach Sion zurück, um Weiteres zu holen. Somit geht
auch der Oberwalliſer Modehandel zu Fuß; — aber ſo
zierlich, daß mir der Weg nit lang geworden — und bin
dem großen Wind ſehr obligieret geweſen. Und wie wir
gen Inden kamen, wo Vater Goethe anno 1779 ein Glas
Roten getrunkem, ſind wir beide ſchon ziemlich intim ge—

1 „Endlich kamen wir in Inden an, und da unſer Bote wohlbekannt war,
ſo fiel es uns leicht, von einer willigen Frau ein gut Glas roten Wein und

19*


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0291