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Ein Bericht aus Welſchland. 295
mit ſeinen alten Mauern der Stadt dominiert, einen
Schild „Deutſches Bierhaus“. Wie ich eintret', ſitzen ein
paar Oſterreicher Offizier' da und eine Geſtalt, wie ich
ſolche noch nie erſchauet. Trug einen ſchwarzſeidenen Rock
s bis an die Knöchel, ſtreng zugeknöpft, darüber einen
ſchwarzen Kaftan mit Schlappärmeln, ſo ganz mit roter
Seide gefüttert war, item einen breiten ſchwarzen Hut
mit goldenen Quaſten, war auch mit einer großen Me—
daille geſchmückt und hatte ein Brevier bei ſich. Alſo war
i1o dies der nicht-unierte griechiſche Feldkapellan, ſo zu Nutz
und Fromm der Raizen und Oguliner' erſt vor ein paar
Tagen angekommen war und nun, gerade von einer
Amtshandlung zurückgekommen, im vollen Ornat in dieſer
Kneipe einen Frühſchoppen aufſuchte. Scheint aber das
1s griechiſche Dogma mit ſich zu bringen, daß der Früh—
ſchoppen ſehr kombiniert ausfällt.
Frug ihn ein Offizier: „Herr Feldprediger, was trin—
ken S' heut?“ Alſo erwiderte derſelb' ernſt und gemeſſen:
„Der Feloͤprediger trinkt erſt einen Slivovitz, hernachmals
2o ein Seidell und darauf ein Glas Erlauer geſetzt, iſt gut
gegen Hitz' und Kolik.“ — Der Mann fing an, mir Hoch⸗
achtung abzunötigen, und abſtrahierte mir, daß an der
Oſtgrenze wenigſtens gute Keime künftiger Kultur auf—
keimen. Wie derſelbe aber vollends die IStalienerinnen
25 abfertigte, ſtieg meine Hochachtung zum Gipfel.
Hatte ſich nämlich eine Gruppe Italienerinnen ver⸗-
ſammelt, ſo mit gewaltiger Neugier den signor prete
forestiere? muſterten, und drängten ſich an ihn heran und
prüften ſeinen prächtigen Anzug und taſteten ſein Ge—
3o wand nach allen Richtungen durch, um zu ſehen, wieviel
Seide verwendet ſei. Und der Kapellan ließ ſich ſelbes
ruhig gefallen, wie ſie aber gar zu zudringlich wurden und
ihn eine fragte, ob denn alles mit Seide gefüttert ſei, da
hob er langſam und würdig ſein ſchwarzes Untergewand
35 über die fein gefirnißten Stiefel hoch auf — und ſtand da
1 Serben aus Slawonien griechiſch-orientaliſchen Bekenntniſſes. — ² Den
fremden geiſtlichen Herrn.
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