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Römiſche Epiſteln. 303
Hintergrund eyn gar feiner Anblick, wiewohlen ich die
„Wurzel des Heimwehs“, die, wie Erneſtus Förſter, p. 494,
erwähnt, „dem nordiſchen Wanderer daſelbſt regelmäßig
zu verdorren pflegt“, dort noch nit vorgefunden. Gedenk'
aber, wann ich ſie einmal aufbotaniſier', dem Erfinder
dieſes tropi unfrankieret gen München zu ſchicken.
Alſo bin ich exempli causa draußen geweſen am Thy⸗
bris, ſo noch immer ſeine blonden Wogen gen Rom wälzet,
aber ſehr träg', als wann er die ganz' Geſchicht' ſatt hätt' —
und ſteht in einem Buſchwerk dort eyn Sauerbrünnlin,
ſo die Römer aquam acetosam nennen, und die Fran—
zoſen haben dort eyn großen Spektakul mit Heeresübung
und ſcharfem Schießen verübet, als wenn das imperium
ſchon morgen die Welt wieder eyn bißlein durcheynand
ſchütteln ſollt'f. Und iſt der alt' Thybris ſehr verdrießlich
daneben her gefloſſen, gleichſam als wenn er ſagen wollt':
„Ihr braucht kein ſo Lärm zu machen, ihr werdet auch noch
auf die Köpf' kriegen wie viel ander' Leut', ſo ich hierlands
bereits mit und ohne Schießgewehr rumoren gehört hab'.“
— Sſt auch eyn alter Turm am Ufer des Thybris, torre
del Quinto, von wo aus man weit umſchaut im Land —
über die feinen Täler- der Campagna bis zum monte
Soracte, als welcher jetzt noch ſo ſtolz aus der Ebene auf—
ſteigt wie zu Horatii Zeyt', und auf ſeinem Gipfel immer
noch kahl iſt, alſo daß zwey Reiſende von Karlsruhe vor
etzlich Fahren mit Grund in ihr Tagebuch notieret, er glich'
dem Schädel ihres Freundes „Zieſel“, der wohl itzt wie
allweg beim Tafernwirt Cappler in der Kreuzſtraß' ſein
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Bier trinkt. — Bin ſodann an den Ponte molle gewandertẽ,
wo eynſt Conſtantinus, der römiſch' Kayſer, den Maxen-
tium ſchlug und itzt eyne rechtſchaffene Herberg' ſteht, alſo
daß die deutſchen Maler in früheren Tagen dort große
Zuſammenkünft' und ſchwere Trinkungen hielten — aber
die Zeyten ſind vorbei und in dem eleganten Saal in
Palazzo Simonetti, wo itzt der Verein der deutſchen Künſt-
ler aufgeſchlagen iſt, wird abends Whiſt geſpielet und den
1 Bgl. die von Schefſel eingedeutſchte Ode, Bd. 2 dieſer Ausgabe, S. 95. —
2 Bgl. „Trompeter“, VB. 6352 (Bd. 2, S. 369).
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