Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 306
(PDF, 113 MB)
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306 Epiſteln.

eynem Trunk aus dem Quell Egeria eyn eigentümlich
ſtarker Durſt in der Kehlen eyn, alſo, daß trotz Natur und
Altertum das Gemüt deſſen, ſo ſich an geſagtem Quell
geletzet, ſofort darauf gelenket wird, ſich nach eynem guten
Trunk Weines umzuſchauen. Und waren wir vier gute 5
Karlsruher beiſammen, ſo gleichmäßig von dieſem Durſt
befallen wurden, warteten deshalb nit ab, bis wir zum
„Facchino“ nach Rom kamen, ſondern brachen in die erſt'
Herberg', ſo am Weg ſtund. Und wurde die Vermutung
aufgeſtellt, daß wohl König Numa der Alte auch nit um- 10
ſonſt aus dem Born der Egeria wird getrunken, ſondern
ſich gleich uns auf dem Heimweg in eyn benachbartes
latiniſches Wirtshaus verfügt haben. Konnten ſomit bei
unſerem Vorhaben uns auf eine longaeva consuetudoi
berufen. 15
Die Kneipe aber hieß,Osteria dei pupaccia“, aus wel⸗
chem Namen wir mit Grund konjunktiereten, daß hier eyn
Eynkehr für Marionettenſpieler und ander fahrendes Volk
ſey, ſo im Weichbild von Rom kein Unterkommen findet.
Und hatte der Wirt ſeinen Wein in die Erde vergraben, 20
um ihn friſch zu halten; der Tiſch aber ruhete auf eynem
antiken Säulenkapitäl, und glich das Ganze eyner großen
Spelunke. Item, der Egeria Durſt zeigete ſich ſehr wirk—
ſam, und wurde von uns verſammelter, badiſcher Landes⸗
kraft ſcharf getrunken; — alſo daß wir der Heiligkeit des 25
Orts zu Ehren ſchließlich nur noch in gewähletem lateini-
ſchem Sermon uns bewegeten, wobei es an gelehrten Zi⸗
taten aus denen klaſſiſchen Autoren nicht fehlete; — und
Dank denen studiis, ſo wir viere unter Leitung des Hof—
rat Süpfle am Lyceo Carolsruhensi gemacht, wehte ein 30
Ciceroniſcher Hauch durch unſere disputationes, und ver-
ſetzeten wir uns im Geiſte ganz in graues Altertum; —
und da der Engere eyn Freund maleriſcher Zitate iſt, ſo
frommt es wohl, eynige herzuſetzen, wie ich ſie von
meinen gelehrten Landsleuten des Abends in der „Osteria 35
dei pupacci“ vernommen:

1 Langdauernde Ubung. — ² Wirtshaus zu den Puppen.


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