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316 . Epiſteln.
Traſimener See, — iſt eyn ſchön, felſig Stadtlein, und iſt
der Traſimener See gar anmutig, dem Chiemſee im
Bairiſchen zu vergleichen, liegt auch eyn Klöſterlein auf
eyner Inſul wie dorten. Und iſt in der ganzen Gegend
noch viel vom alten Hannibal die Red', als wenn denen
jetzigen Ftalienern die Köpf' noch wackelten von denen
Hieben, ſo ihre Vorfahren von den Puniern darauf er—
halten, und wußte mir ſogar eyn Zollgardiſt am monte
Gualandro das Schlachtfeld ſtrategiſch zu beſchreyben, —
dort, wo am Bach Sanguinetto das römiſch' Lager ſtund,
dort an der torre d'Annibale, wo die Elefanten herüber—
ſtiegen, und dort das Dorf Tuori, wo der alt' karthagiſch'
Feldherr den Göttern nach dem Sieg eyn Stieropfer
„
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brachte. Scheint überhaupt der Karthager das Italien
gründlicher verrunginiert zu haben als der Got' und
Vandal' und Normann'’, maßen ich auch ſpäter in den
Albaner Bergen, auf den campi d'Annibale am monte
Cavo gefunden, daß er jetzt noch ſelbſt bei Bauersleuten,
Ziegenhirten ꝛc. in gutem, friſchem Andenken ſteht,
wie der Schwed' bei uns. Und hatte ſogar der Wirt von
Paſſignano auf eyner großen Wand noch eyn Monu—
ment in breslauiſcher Malerart' aufpinſeln laſſen, „den
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heldenmütigen Gefallenen, die hier durch, tradimento
und karthagiſches Schwert den Tod fanden, der trauernde
Trasimenus“. L
Item, ſo waren zwar hinlänglich Lichter in Paſſignano,
alſo daß jedwedes ſeparatim in ſeine Schlafkammer abgehen
konnt', aber ſo ſchlechte Herberg' und Flohſtich', daß die
Sängerin von Rimini den Text: „O indegno vetturin“ —
„O unwürdiger Lohnkutſcher“ durch verſchiedentliche Ton—
arten mit ſchöner Modulation der Stimm' und heftiger
Leydenſchaft abſang. Und mußt' ich mit eynem andern
Paſſagier in eyner Stuben ſchlafen; vermied zwar den
arciprete und geſellete mich zu eynem Kameenhändler
aus Rom, der inzwiſchen zur Reiſegeſellſchaft gekommen.
War aber aus der Szylla in die Charybdis geraten, weil
1 Bgl. oben, S. 21.
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