http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0333
Römiſche Epiſteln. 333
und eyn' ſchwache Stell' der Befeſtigung gekannt hätt',
durch die eyn nächtlich Eynſteigen ermöglicht ward, ſo
hätten wir ſelbige Nacht vor Rom können liegenbleiben
wie unſer frommer Landsmann Totilas'; item daß der
s ſchlecht' Scirocco Huſten verurſache, — und dergleichen
mehr. Und wiewohlen auf den Neujahrsabend eyn' große
Feſtivität im Verein der deutſchen Maler angeſagt war,
allwo zierliche Darſtellungen von Gruppen und Schil⸗
dereyen, ſo man lebende Bilder benamſt, veranſtaltet,
10 auch in üblicher Weiſe eyn ſolennes sdymposium abgehal⸗-
ten werden ſollte, wobei eyn jeder conviva in eyner toga
und mit eynem Eppichkranz auf dem Haupt erſcheint: ſo
wurden doch etzliche eyns, um dieſe Zeyt aus Rom aus—
zuziehen und auf dem rauhen Sabiner Gebirg' ſich friſcher
15 Luft, eynes unverfälſchten Weines und freundlicher Men—
ſchen zu erfreuen. Und wird eyne nähere Beſchreibung
der Männer, ſo dieſen Beſchluß faßten, unten nachge—
tragen werden.
Mir ſelber aber war mein Sinn und untadlig Gemüt
20 ſchon lang gen Olevano gerichtet, und wär' ich auch wohl
ganz eynſam wieder zu meinen ſabiniſchen Freundinnen
hinausgewandert, denn ſo weit ich auch ſeithero in wel—
ſchen Landen umhergefahren, ſo hab' ich doch nirgends
eyn' fürtrefflichere Herberg' gefunden als auf ſelbigem
25 Felskamm in der casa Baldi, wo der Menſch wie aus
eynem Adlerhorſt hinausſchaut gen der Campagne von
Valmontone, und nach den Hügeln von Paliano und den
hoch getürmten, fernen Bergen der Volsker und den vul⸗
kaniſchen Albaner Rücken, und hab' dort im Monat Okto⸗-
z0 bris bei der dicken Regina ſchier die beſten Tag' und die
beſten Gedanken gehabt — alſo daß nit viel gefehlet, ſo
wär' damals die poësia wieder über mich gekommen, ſo
ich ſchon lang verabſchiedet hab'.
Derohalb hatt' ich auch beim Abſchied, wie wir mit
35 dem alten Sang: „Muß i denn, muß i denn zum Städtele
naus?“ den olivenbeſchatteten Felsweg zum letztenmal
1 Der Gotenkönig Totilals) belagerte und eroberte Rom zweirnal: 546
und 549
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0333