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334 Epiſteln.
hinunterſteigen, derſelbigen Regina hoch und ernſt ver—
ſprochen, daß ich auf Neujahr mich wiederum bei ihr eyn—
ſtellen werd'; und es hätt' ſomit bei mir der ſchlechten Koſt
und Atzung von Rom nit bedurft, um mich von der „welt-
ſchuttführenden“ Thybris ſüdwärts zu lenken.
Alſo ſtand am Morgen des 28. Dezembris eyn wohl⸗
gerüſteter vetturino auf dem barberiniſchen Platz, wo der
ſteinerne Triton das Waſſer durch ſeine Meermuſchel blaſt.
und zwarnit der ordinare Vetturin Raganelli von Ge—
nazzano, denn dieſen ſchlechten Cujon, der uns im Okto-
bris wie die Häring in eyne Lonn' eyngepackt, hatten wir
ſelbesmal ſchwer offendieret, dieweil, als er die übliche
buona mano forderte, ſämtliche acht Paſſagier' eynen
Kreis um ihn formiereten, eynen Ringeltanz anhuben
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und dazu das keltiſche Lied?: „Ha — Ha'm — Ha'mmer 15
dich emol, an dei'm verriſſenen Kamiſol, du ſchlechter
Kerl!“ ohnabläſſig und mit unzweydeutigen Geſten ab—
ſangen, alſo daß er trinkgeldlos und ſehr fluchend abzog.
War diesmal der „große Rotbart“ — „Il gran Barba-
rossa“ der padron der Lohnkutſche. Die vier deutſchen
Männer aber, ſo mit dieſem Barbaroſſa gen Paleſtrina
verakkordiert hatten und eynſtiegen, waren: Herr Wilhelm
Heydt, ein Doktor der Gottesgelahrſamkeit und Repetent
am Stift zu Tübingen — und iſt damit genug geſagt. Iſt
dieſer zur Zeyt der eynzig' Vertreter des ſchwäbiſchen
Stamms in Rom, — zwar nit aus Böblingen, aber aus
Markgröningen, eyn feſter, ehrenwerter und ſchwerfälli—
ger Herr, ſo Italien alſo gründlich bereiſt, als wär' jede
Stadt eyn paragraphus in eynem compendio und wört—
lich auswendig zu lernen, — und ſteigt derſelbe in Rom,
bis an die Kravatte zugeknöpft, und mit eynem großen
Rohrſtock, den ihm bereits im Fuchſenſemeſter eyn Kollega
verehrt hat, ſo ernſthaft eynher, als ging er aus eynem
philoſophiſchen Kollegio in die Eyfferthei zu Tübingen
zum Braunbier. Hat aber viel Kenntnis von alten und
mittelalten Dingen — und ſind ihm die preußiſchen Theo—
1 Ein Ausdruck Platens (in dem Gedicht „Die Pyramide des Ceſtius?). —
2 Bgl. Band 1 dieſer Ausgabe, S. 36.
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