Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 337
(PDF, 113 MB)
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Römiſche Epiſteln. 337

kulturgeſchichtliche contemplationes anzuſtellen. Das
Frühſtück beſtand aus eynem Hammelbraten und Büffel⸗—
käs, und die Unbekanntheyt des Meiſter Andréèée mit italie⸗
niſchen Genüſſen bewirkte, daß er zum Nachtiſch zwey
Bündel Lauch oder Sellerie beſtellte, ſo allerdings vom
Campagnolen roh aufgezehret wird, für eynen germani—
ſchen Magen aber nit wohl paßt, abgeſehen von der ſym—
boliſchen Bedeutung dieſer ſchätzenswerten Pflanz' in der
italieniſchen Blumenſprach', — denn ſo eynem die Wirtin
eyn ſolch Sträußlein kredenzt, ſo heißt das ſo viel, als
was die Gräfin in dem ſchönen Volkslied zum jungen
Zimmermann geſungen — und hat ſie deshalb eynen
böſen italieniſchen Zunamen, den ich hier nit herſetzen
kann. Wurde übrigens unſerem Frankfurter Gefährten
hierüber eyne naturgeſchichtlich und allegoriſch durch—
greifende Belehrung erteilt und demſelben, da er aus
Hartnäckigkeit dieſe vegetabiliſche Atzung verſchlang, asce—
tiſche Grundſätz' eingeprägt, auf daß ſich in Paleſtrina kein
conflictus erhebe.
In dieſer Bergſtadt Paleſtrina nämlich iſt kein Gaſt—
haus, — kommen auch nit viel Reiſende hin — ſondern
iſt Brauch, daß, ſo man dorten eynreitet, man eynen der

honoratiores um Gaſtfreundſchaft anſpricht, ſo dann an—

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ſtändig vergütet werden muß. Und bin ich auf früheren
Fahrten bereits dort bekanntworden und hab' im Hauſe
Nino des capellaro oder Hutmachers eyn Unterſchlupf ge⸗-
funden und wußte, daß es zur Erhaltung von gutem Im—
biß und Trank ſehr förderlich iſt, ſo man ſowohl der alten,
geizigen capellara als ihrem ſchönen Töchterlein mit feinen
und ſchmeichelnden Redeweyſen begegnet; — dürft' aber
gefährlich ſein, die Grenzlinie eynes Gaſtfreunds bei be—
ſagter Tochter zu überſchreiten, maßen das Haus eyne
Schar autochthoniſcher Hutmachergeſellen beherbergt, und
man nit nur rauhe Bergweg' hinabgeworfen, ſondern auch
ſchwarz und blau gefärbt werden könnt'.

1, Steh' auf, ſteh' auf, gut Zimmergeſell, Denn es iſt an der Zeit, Wenn
dir beliebt bey mir zu ſchlaffen An meinem ſchneeweißen Leib“ (nach der
Faſſung, die Goethe im Elſaß aufgezeichnet hat).

Scheffel. IV. L 22


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