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340 Epiſteln.
junger Genoß dort in Sommerszeyt mit eynem Holländer
manche Fogliette mit ihnen ausgeſtochen und im Morra—
ſpiel auch verloren hatte. Der Wirt aber ſteckte eyn Dut—
zend salsiccie an den Spieß und briet ſie am Kamin—
feuer, und waren dieſe Genazzaner Würſtlein ſo ſchmack—
haft, als wären ſie zu Nürnberg in dem „Blauen Glöcklein“
oder zu Ulm im „Schwarzen Ochſen“ angefertigt, — und
nötigten uns insgeſamt eyne Hochachtung ab, an die wir
die notitia knüpften, daß dieſes territorium der Colonna
nit nur in ſeiner Architektur, ſondern auch in ſeinen Wür⸗—
ſten eynen gibelliniſch-germaniſchen Geſchmack habe.
Zogen ſodann gemach fürbaß, und war uns die Sonn'
ſchier beſchwerlich, und nach drey Stunden waren wir den
ſteilen Bergrücken, ſo Olevano trägt, in allerhand Win—
dung und Kreuzweg, durch Vignen und Olivenwälder
hinangeklommen; und wie wir oben an die fontana vor
dem Städtlein kommen, ſo war die dick' Regina und die
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klein' Lala zufallshalber dorthin ſpazierengegangen, und
auf einmal erhebt ſich eyn ſcharf Rufen: „Sir Giuseppe!
Sir Guglielmo“, — und kommt unſer’ freundliche, dicke Wir⸗
tin, ſchier wie eyne Windsbraut daher geſprungen, und
Wwar des Händedrückens und Begrüßens kein End' — und
drohte mir ſchier eyne Umarmung; — und oben auf der
casa Baldi ſtund die dienende Magd Geltrude und rief
ihr ſabiniſches: „— 'rella mi!“ herab — und hängten ſich
die zwey Frauenzimmer uns an Arm, und wurden wir
als wie in eynem Triumphzug am Städtlein vorbei—
geführt, dieweil dies eyn' große Ehr' war, daß die amici
forestierii in ſo ungewohnter Zeyt aus Rom, wo der Papſt
wohnt und alle Herrlichkeyten der Erd' beiſammen ſind,
in das verlaſſen' Neſt herausgezogen waren.
wir oben in der casa Baldi unſern Eynzug hielten, da war
noch alles, wie wir's verlaſſen: da kam der Hund Joly und
die ſchwarzgefleckte Rondina und ſprangen wedelnd an
uns hinauf, da hing noch das Bild des Kardinals Borgheſe
und der ſchwarzäugigen Signoras, die hier eynſt Ville—
1 Fremden Freunde.
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Und wie
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