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Römiſche Epiſteln. 345
arciprete von Roiate — und daß damals die Schlangen
noch größer geweſen, wie hier, wo ſie auch ſchon zu ſechs
Fuß Länge anwachſen, und dieſen Laocoontem ſamt
ſeinen zwey Söhnen aufgezehret, weil er die Götter ge—
5 kränket, — und konnt nit fortfahren in der Erklärung vor
Übermaß des Lachens, dieweil jedwede Betrachtung er-
gab, daß die zwey Maler, ſo ſich jetzt als Söhne im
Schlangenkampf wanden, den Vater Laokoon ſcheußlich
ausſtaffieret hatten, — hatten ihm nämlich das rot' Mie—
10 der der Regina über den ſchwarzen Leibrock als wie eynen
Panzer geſchnürt und aus ſchwerem Leintuch eyn lang
nach hinten abfallenden Prieſtermantel formiert, item
trotz der germaniſchen, ſchwarzen Hoſen eyn Gewind von
Lorbeer und Olzweig um ſeine Hüften gelegt, — und ſo
15 ſtand er trotz Mieder und Lorbeer in der Brandung des
Gelächters ſtarr und ſchmerzlich und verzog keine Miene,
„Ile simul manibus tendit divellere nodos
perfusus sanie vittas atroque veneno*“.
bis daß er unter Darreichung eynes Schluckes Glühwein
20 herabgezogen ward in Kreis der tollen Trojaner.
Item, ſo ſchickten der Meiſter Andrée und ich den
Laokoon mit ſamt ſeinen Söhnen in die Küchen und for—
miereten eyne zweyte Gruppe, ſo auch der Plaſtik des
Altertums entnommen war, den Amorem und die Psy-
25 chen, — und mag auch eyn heiter Werk geweſen ſein,
maßen der Amor Bruchſtücke vom Gewand des Olevaneſer
Ziegenhirten und die Pſyche eynen landesüblichen Unter-
rock trug.
Item pro tertio famen wieder die Erſten an die Reihen,
30 und zu Beurkundung des studii neuer Malerei ahmten ſie
das Bild des Meiſters Riedel nach, ſo unter dem Namen
„Die napoletaniſch' Fiſcherfamilie“ männiglich bekannt iſt'.
* Er nun ringet zugleich mit den Händen, die Knoten zu löſen,
Ganz durchſtrömt an der Binde von Eiter und ſchwärzlichem
Gifte.
1 Auguſt Heinrich Riedel, 1802 in Bayreuth geboren, lebte ſeit 1823
in Rom, wo er 1883 ſtarb. Das obenerwähnte Bild, 1834 entſtanden, wurde
für die Neue Pinakothek in München erworben.
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