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Römiſche Epiſteln. 347
cesco und gedachten bei denen Mönchen, ſo wir in frühe⸗
ren Zeiten bereits um eyn paar Steinkrug' Weines ge—
kränkt, wenn tunlich eyn Frühſtück zu erpreſſen. Zogen
auch die Glocken ſcharf an und harreten in kalter Luft,
53 daß aufgetan werde; — ward aber nit aufgetan, alſo daß
wir ſchier daſtanden wie Kaiſer Heinrich im Hof von Ca-
noſſa; — und waren nüchtern und froren, ſtellete ſich auch
eyn linder Fammer eyn, alſo daß ſehr unziemliche Redens⸗
arten laut wurden und wir mit eynem wohlgemeinten
10 „Kreuzdonnerwetter!“ zum Kloſterhof hinausritten. Und
ſo ich an meine guten Freund', die Franziskaner in Pa—
lazzuola am Albaner See denb', mit denen ich manch Krüg⸗
lein geleeret und manch Schelmenliedlein geſungen, ſo
möcht' ich dieſen ſabiniſchen Torverſchließern ſchier die
15 Kränk' auf den Hals wünſchen.
Kommen ſodann in das Felsneſt Rocca di san Stefano
eyngezogen, ſo führt uns das gut' Glück den pizzicarol' von
San Stefano in die Händ', und hatt' derſelbig' in Vor⸗
ahnung der Dinge eyn paar Tag' zuvor am Meer unten
20 eyn paar Fäßlein geſalzener Meerfiſch' heraufgeholet, und
ſtand eyn lieblich Faß Sardellen, ſo ſtrahlenförmig eyn⸗
mariniert waren, in ſeiner bottega, alſo daß Meiſter
Andrée, ſo vom JFammer am ſchwerſten moleſtiert war,
dem pizzicarol eyn dreymaliges, feierliches Heil! zurief
25 und ihm mit ſeinem roten Seidentuch, ſo er an eynen
Spieß gebunden, grüßend zuwinkte. Und auch Laokoon
der Alte zehrte ſechs ſchwer geſalzener Fiſch' auf und ſprach:
„Non c'è male?!“ Und war der Körper- und Seelenzuſtand
der fünf Männer in kurzeſter Friſt gebeſſert, und ritten
z0 in ſcharfem Eſelstrab heimwärts, ſo im Sabiner Land
bei dem ſchlechten Zuſtand von Sattel und Riemen und
gänzlichem Abmangel des Steigbügels ſchier eyn hals—
brechend Stück iſt. Hatte aber die Regina zum Abſchied
eyn herrliches Mittagsmahl bereitet und mir und dem
35 Sir Guglielmo aus beſonderer Hochachtung eynen zwey—
jährigen Rotwein, eynen wirklichen vino capitale vor-
1 Vikualienhändler. — ² „Das iſt nicht ſchlecht.“
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