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352 Epiſteln.
Item ſo wurden wir durch dieſe wehmütig' Stadt—
zinkeniſtengeſchicht' merklich getröſtet; und hielten des an—
dern Tags eyn' große Umſchau in und außer Tivoli; und
bätt' ich noch allerhand zu erzählen von Waſſerfällen und
Höhlen und Klüften des Anio, und von Tempeln und
antiken Villen und alten Olivenbäumen und herrlichem
Blick auf Gebirg' und in die Campagna, von dem Garten—
palaſt derer von Eſte mit ſeinen gewaltigen Zypreſſen,
mit ſeinen Laubgängen und Fontänen, unter denen ſich
eynſtmals Arioſto vergnüglich erging und neuerdings der
Franzos gehauſt hat — aber ich ſorg', die Epiſtel werd' zu
lang, — und feiern heut die Römer ihre befana', und ziehen
nit nur die jungen, ſondern auch die alten Kinder mit
eynem Gepfeif und Geblas aus hölzernen Trompetlein
in den Gaſſen herum, daß dagegen auch die normalſte
Katzenmuſik, ſo eyner vor vier Jahren in der Heimat hören
konnt', zu eynem leiſen Seufzer zuſammenſchwindet. Will
deshalb ſchließen und mir auch eyn Trompetlein kaufen
und den Welſchen eyns blaſen.
Bhüet euch Gott all' zuſamm in Heydelberg, — und
den Neckar und das alt' Schloß laſſ' ich auch ſchön grüßen.
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Venetianiſche Epiſtel.
Benedig, den 18. Funi 1855.
Riva degli Schiavoni 4161. 3° piano.
Gruß und Handſchlag zuvor all den getreuen und feſten
Männern, die an den grünen Ufern des Neckars auch im
Monat Juni noch ihren Maiwein trinken. Und wenn ich
ſeit langen Wochen nichts von mir und meinen Fahrten
in Welſchland hab' verlauten laſſen, ſo bitt ich einen hoch—
würdigen Engeren, ſelbes nicht einer böswilligen Ver—
geſſung alter Verſprechen zuzuſchreiben, denn Altheidel⸗
berg wird nimmer aus meiner Seele getilgt, ſondern ſteht
mit Sang und Klang und Paukenſchlag drin feſtgetrom—
1 Spiphaniasfeſt.
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