Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 359
(PDF, 113 MB)
Bibliographische Information
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Freiburg und der Oberrhein

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0359
Venetianiſche Epiſtel. 359

genden Blättern“ ſchon holzſchnittlich aus dem Geſpräch
jener beiden, die von Rechts wegen auch noch die Einbalſa—
mierung nach dem Tod auf Staatskoſten fordern zu können
glauben, des Näheren bekannt. Und wie er in Wagen
5 ſtieg, kamen zwei Mägdlein auf ihn zu, mit Apfelkuchen
die eine, mit Biskuit und Limonade die andere; der aber
ſprach beidesmal: „Nix für uns, Amen!“ im Ton einer
alten Kirchenlitanei — und fuhr, ins Coupé eintretend,
in gleichem Ton fort: „Aber drei Pfund Kalbfleiſch und
10 das fette vom Schinkenbein und ſechs Maß bayriſch, darum
bitten wir, o Herr!“
Dabei war er dem Mann im druckkattunenen Frack
ſamt Bluſe auf den Fuß getreten, ohne ihn um Entſchuldi⸗
gung zu bitten, und klopfte der Fungfrau von Kriegshaber
15 auf die Schulter, indem er fragte: „Was meinen S' zu
dem Kirchengebet, Sie?“ Das Mägdlein in der ſchwärzen
Kappe aber antwortete: „Sie müſſen ſchon recht weni'
Gottesfurcht haben, Sie, laſſen S' mi aus!“ worauf er in
ein ſtiermäßig Gelächter ausbrach und rief: „Gottesfurcht?
20 Mit den Faxen is es aus bei uns in Mannheim, glauben
S' der Gregorius käm' ſo dumm aus der Fremde heim,
als er vor elf Fahr nein gangen is? Sie?!“ Und dabei
legte er ſeinen Arm um ſeiner Nachbarin Hüfte, als wenn
ſich das von ſelbſt verſtünde.
25 Unterdes war der Zug über die Donau gefahren, als
ſie ihm, ſich losringend, ein ernſtes: „Schamen S' ſi'!“
zugerufen — im Bahnhof zu Neuulm aber ſtunden drei
barmherzige Schweſtern in ihrem ernſten Ordenskleid, da
wollte Gregorius Niederwurzler ſeine Landsmännin von
z0 ſeiner Seelenſtärke überzeugen und ſprach: „Wiſſen S',
was denen g'ſagt g'hört? Geben S' einmal acht!..“
und er öffnete das Fenſter und rief den Nonnen zu:
„Hurra die Gäul'!“ und wie ſie unklar herüberſchauten,
wiederholte er: „Jawohl, hurra die Gäul'!“ und fügte
35 den frommen Wunſch zu, daß ſie doch gleich unters Pfla⸗
ſter verſinken möchten, bis tief ins hölliſche Feuer! An
letzterem ſchien er trotz ſeiner geläuterten Begriffe keinen
Zweifel zu hegen.


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0359