Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 361
(PDF, 113 MB)
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Benetlaniſche Epiſtel. 361

ſtattfand, „wo der däniſche Pflüger den deutſchen, dieſer
jenen verſteht“, und mir zur Evidenz erwuchs, daß die
ins Helvetiſche hinüberragenden Alemannen an den bojoa⸗
riſch-keltiſchen Nachbarn keine Stammverwandten und
5⁵ Vettern beſitzen.
Der Mann im Frack unter der Bluſe wurde aber, je
weniger er ſich deutlich zu machen vermochte, mit um ſo
größerer, mitleidiger Teilnahme behandelt, auch durch
Anbietung einer Priſe Tabak ſeitens des Alten und eines
io halben Wecks ſeitens der Tochter ihm die Aufmerkſamkeit
erwieſen, die dem fremden Gaſtfreund gebührt. Einen
muckeriſchen Zug um die Lippen hatte er ohnedies ſchon,
einen ſtillen Brand wohl auch; nun ward's ihm entſchie—
den zutraulich zumut', und er faßte den Entſchluß, in die
15 allgemein menſchliche Zeichenſprache überzugehen, zog
ſeinerſeits eine rot polierte Doſe hervor und bot der Jung—
frau eine Priſe, hielt ihre Hand feſt, als wolle er aus ihren
Fingern ſchnupfen, und erlaubte ſich auch einige dem
alten Telegraphenſyſtem entſprechende Kniebewegungen
20 gegen ſein vis-à-vis, ſo daß ſich Gregorius Niederwurzlers
Unterlippe immer malitiöſer gegen die Naſe emporkniff.
Wie er aber ſeine rot polierte Doſe der Nachbarin als Ge—
ſchenk anbot und Miene machte, ſie ihr in Schurz zu ſtecken,
da richtete ſich Gregorius auf wie ein Leu, faßte den
25 Helvetier um beide Knie, hob ihn mit dem Oberleib zum
Coupéfenſter hinaus und rief: „Da wenn wir Sie jetzt
hinausſchmeißeten, Sie Unflat!?“ Die Jungfrau ſchüttete
die Doſe bis aufs letzte Tabakkörnlein fort, und ihr Vater
ſchlug auf den Zürcher Unbekannten ſo ſcherzhaft kräftig
z0 ein, daß ihm ganz elend zumut' ward und er demütig um
Gnade flehte, worauf er nach deren Gewährung nichts
Beſſeres zu tun wußte, als ſcheinbar wieder in ſeinen
bleiernen Schlaf zurückzuverfallen, der auch andauerte bis
Augsburg.
3ͤ6 Gregorius aber hatte viel Vorwürfe zu erleben von
ſeiner Landsmännin, die der Anſicht war, der Fremde
hätte das „unter Umſtänden auch übel nehmen können“,
allein er ſagte: „Ich fürcht' mich weder vor Gott noch dem


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