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362 Epiſteln.
CTeufel.“ Dies veranlaßte ein allgemein Geſpräch übers
Fürchten, und ſie frug ihn weiter, ob er ſchon bei einem
Toten gewacht? Wer das nicht getan, könne nicht ſagen,
er fürchte ſich vor nichts. Da lachte Gregorius Nieder—
wurzler und ſtrich ſeinen Bocksbart und erzählte eine grau—
ſam ſchöne Geſchicht' von ſeiner erſten Meiſterin, wie die
ihm den Biſſen im Löffel und den Trunk im Glas ver-
gönnt habe und endlich geſtorben ſei. Da hab' ihm der
Meiſter die Wahl gelaſſen, ob er ihren Sarg ſchreinern
oder bei ihr wachen ſolle, er aber hab' geſagt: „Wachen!“
und ſei mit einem Steinkrug Bier und einem Laib Brot
hinaufgezogen in die Totenkammer und hab' ihr zugerufen:
„Gelt Frau Meiſterin, jetzt müßt IFhr's doch geſchehen
laſſen, daß der Gregor ſich ſatt ißt und ſatt trinkt“, und
hab' ſich ein rieſiges Stück vom Laib geſchnitten — und
wie's ihm nach geleertem Krug geſchienen, als ob ſie mit
ihren gläſernen Augen ihn anſchaue, ſei er an die Toten—
bahr' gegangen, hab' ein Kreuz geſchlagen, und geſagt:
„Nix für ungut, Frau Meiſterin“, und ihr die Augen
herxzhaft zugedrückt, und dann hab's ihm erſt recht ge—
ſchmeckt.
Hiemit ſchien des Gieſinger Altgeſellen Bravour außer
allen Zweifel geſtellt; der Mann war mir unterdes inter-
eſſant geworden, darum rührte ich mich in meiner Ecke,
ſteckte eine Zigarre an, wandte mich mit der verbindlich—
ſten Höflichkeit zu ihm, bot ihm gleichfalls eine Zigarre
und mühte mich, ihm mit eigenem Streichholz Feuer zu
reichen. Er aber, der mich ſeither ſyſtematiſch ignoriert,
geriet hiedurch in eine zweifelhafte Verlegenheit, blies
ſeine Wolken, rückte auf und ab, ſo daß ihm gelegentlich
ſein Hut zu Boden fiel, was er mit der Bemerkung be—
gleitete: „Ich glaub' der Hut will wahnſinnig werden, daß
er München wieder zu ſchauen kriegt.“
„Es hat Ihnen gefallen in Mannheim?“ ſprach ich
gleichgültig.
Er aber ſchaute nach meiner goldenen Brille und war
noch verlegener als vorher. Das Geſpräch ging langſam
vorwärts.
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