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Benetlaniſche Epiſtel. 363
„Haben Sie nicht einmal eine Geſchichte mit der
Mannheimer Polizei gehabt?“ fragte ich harmlos weiter.
Da rückte er noch unruhiger hin und her und ſagte klein—
laut: „O ja, mehr wie eine aber ins Wanderbuch
5 haben ſie mir doch das beſte Zeugnis geſchrieben, und
wer was anders von mir ſagt, ſoll herkommen.“
„Übrigens“, fuhr er fort, „was heut geſprochen ward,
iſt alles zum Spaß' geweſen, und der, Herr' braucht nicht
zu glauben, daß ich's nicht mit der, Ordnung' halte. Alles
io muß nach der Ordnung gehen, und wenn ich damals den
Überrheiner ſchon hätt' vertragen wie ſpäter, wär' die
Geſchicht' mit dem Polizeidiener nicht paſſiert.. Aber
woher können Sie das wiſſen?“
„Ich meinte nur ſo“, ſprach ich. Darauf verſtummte
15 Gregorius der Furchtloſe gänzlich. Aber daß er auf Kohlen
ſaß, bewies mir der Umſtand, daß er ſeine Zigarre aus—
gehen ließ und zu Ende kaute, ſo daß ich zur Satisfaktion
meines Freundes v. Preen die Überzeugung gewann, daß
es für Mannheimer Kunſtſchreiner außer Gott und dem
20 Teufel doch noch Dinge gibt, bei deren Erwähnung es
ihnen nicht ganz geheuer wird. Die zwei Flaſchen Wein
übrigens hatte der Gregorius mitgenommen, um ſeiner
alten Mutter in Gieſing eine Magenſtärkung aus der
Pfalz zu bringen; und die diesſeitige Vergeltung für ſeine
25 geiſtlichen Kraftſprüche blieb auch nicht aus, denn in der
vorletzten Station vor Augsburg ſtiegen über ein Dutzend
geiſtliche Herren ein, die dort ein Ruralkapitel gehalten,
und da ſaß er, eingerahmt wie ein Fuwel von lauter
Kleriſei, und die Erinnerung an die Mannheimer Polizei
z0 als Stachel im Herzen — ein bojoariſcher Leu mit ein—
gezogenem Schweif, und wenn ich ihn einſt wiederſehe,
wird er ein ehrſamer bürgerlicher Schreinermeiſter ſein...
Genug davon!
Item ſo wurden in Augsburg die Wagen gewechſelt,
35 und ich ſtieg als ein homo semper novarum rerum cu-
pidus' in ein ander Coupé, in dem ſich ein ziemlicher
1 Ein ſtets neuerungsbegieriger Mann (nach Cäſars Außerung über die
Gallier).
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