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364 Epiſteln.
Gegenſatz zu meinem Freund Gregorius niedergelaſſen.
Dieſer Gegenſatz war eine Dame in ſeidenem Gewand
und einem hermelinbeſetzten Mantel, und verbreitete
einen ſüßen Patſchuli-Duft, hatte auch den einen Fuß
anmutig der Länge nach auf der Bank ausgeſtreckt und
einen großen Apparat von feinſten Hutſchachteln und
ſamtnen Reiſetaſchen um ſich, das Antlitz aber blaß, und
im clair obscur eines nächtlichen Schnellzugs nicht näher
nach Alter, Nation und ſonſtigen Perſonalien zu ent—
ziffern. Sah aber das Ganze fein aus, ſo daß ich mich
mit einigem Behagen in dem einſamen Raum feſt—
ſetzte. Und iſt zu meiner näheren Schilderung zu be—
merken, daß ich im maleriſch umgeſchlagenen Reiſeſchal,
einem neuen, ſchokoladefarbigen Touriſtenanzug und mit
der leichten Goldbrille auf der Naſe wohl auch eine er—
trägliche Staffage im beſagten Halbdunkel zu bilden im⸗
ſtande war.
L So ſaßen wir einand vergnüglich gegenüber und
waren wohl gegenſeitig mit Rekognoſzierung beſchäftigt,
wobei zwar der Blick von jenſeits entſchieden vornehm
blaſierter war denn der meinige, ich hingegen durch würde-
voll ſchweigende Haltung imponierte.
Und war ſo weit alles in Ordnung, ſo will's nach fünf
Minuten langer Einſamkeit ein böſer Stern, daß noch zwei
Nachzügler geſprungen kommen und wie Meteorſteine in
dies in der Entwicklung begriffene Genrebild hereinfallen
— und mögen die beiden ſamt ihrem lebhaften Geſpräch
übers Bier im Augsburger Bahnhof und die Germers—
heimer Garniſonsverhältniſſe zwar ſehr ehrenwerte Män⸗
ner geweſen ſein — aber hierher paßten ſie nach der gan—⸗
zen Sachlage durchaus nicht. Dieſen Gedanken ſchien
auch die Trägerin des Hermelinmantels noch entſchiedener
zu hegen als ich — denn nachdem ſie mir gegenüber ſeit-
her in marmorner Ruhe verharrt war, erhob ſie ſich itzo,
winkte einem Kondukteur und ſprach mit fremdartiger
Betonung: „Haben Sie nicht ein Coupé, wo man allein
ſein kann?“ Dieſe Frage war nun, in Anbetracht der mit
Germersheimer Statiſtik beſchäftigten Ehrenmänner,
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