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Venetlaniſche Epiſtel. 377
räumten und mir nichts übrigblieb, als mir von ihm die
Lage jenes Schluppwirts beſchreiben zu laſſen, um dort
allein die ihm zugedachte Flaſche ex voto' zu trinken. Der
Schluppwirt aber liegt jenſeits der Eiſackbrücke vor Bozen
5 an einer Bergwand und iſt eine ſo vergnügliche Herberge
mit herzwärmendem Rotwein, daß ich niemals in jenem
Landſtrich mehr durchpaſſieren werde, ohne meinen Fuß
zu ihm hinüberſchlüpfen zu laſſen.
Aber ſo angenehm es mir auch war, die Bekanntſchaft
10 des Herrn Gerolamo Pescatore zu machen, ſo hätt' ich
doch beinah mit dem Schickſal gegrollt, daß es mir als
erſte Verſinnbildlichung Italiens nicht das reizende Bild
entgegengeführt, das ich tags darauf vor Trient zu er⸗—
ſchauen die Ehre hatte. Da hielt ein eleganter Reiſewagen
15 auf der Heerſtraße, und drinnen ſaß neben einem ältlichen
Herren eine verſchleierte Dame, und ich weiß nicht wie
es kam, aber ich rückte meine Brille zurecht, und mein
lockiger Freund Anſelm ſchoß aus freiem Aug' ſeine Blicke
nach dem Schleier.. ſiehe da hob ſie majeſtätiſch ihren
20 elfenbeinweißen Arm und lüftete den Schleier und ſchaute
in ſtrahlender Schöne zu uns herüber und lächelte, als
wolle ſie ſagen: „Sehet euch nur recht ſatt an mir, ich weiß,
daß ich ſchön bin!“ Und nach zwei Minuten zog ſie den
Schleier wieder zuſammen, als ſollten wir nicht gänzlich
25 geblendet werden, und ihre Pferde fuhren dem Brenner
entgegen, und wir hatten die Türme von Trient vor uns.
Ein löblicher Engerer hätte es mir gewiß nicht vergönnt,
wenn ich hier mein Gelübde zu löſen gehabt, und wäre
hinausgeſprungen aus dem ſchundigen Stellwagen und
zo hätte mich emporgeſchwungen bei der ſchönen Unbekann—
ten und ihren Schleier zitternd zum zweitenmal empor-
gehoben und geſagt: „Scusi, Madonnina, non è per me
e non per lei, ma per un voto fatto alla bellezza, fatto
all' Italia?“.. und ich bin überzeugt, ſie hätte gelächelt
35 wie jetzo, da ſie im gütigen Reichtum der Schöne den
1 Meinem Gelübde gemäß. — ² „Entſchuldigen Sie, ESnädigſte, es ge⸗
ſchieht nicht um meinet-, noch Fhretwillen, ſondern eines Gelübdes wegen,
das der Schönheit, das Italien geleiſtet wurde!“
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