Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 378
(PDF, 113 MB)
Bibliographische Information
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0378
378 Epiſteln.

Schleier vor uns hob, und hätte auf die Bitte um den Votiv⸗
kuß geantwortet: „Piglia pur' due, se c'è un voto*“
Dank und Segen auf deinen Weg, ſchleierlüftende
Tochter des Südens!
Als hätt' aber die deutſche Heimat noch einen tüchtigen
Gedenkſtein für alle die aufrichten wollen, die gen Welſch—
land fahren, auf daß ihnen die Traulichkeit und ſtille Poe-
ſie und der Traum alter Zeit in deutſchen Lettern lebhaft
ins Herz geſchrieben bleibe, ſteht im felſigen Tale der Tal⸗
fer bei Bozen die Feſte Runglſtein aufgebaut, und es ver⸗
lohnt ſich wohl, daß uns die Mitglieder des Engeren auf
einem Gang nach jenen ehrwürdigen Mauern begleiten.
Alſo verließen wir nach einem tapferen Mittagsmahl
die ſolide Herberge „Zum Mondſchein“ in Bozen und
ſchritten unter Führung eines demütigen Studentleins,
das bei den Franziskanern dort Latein lernte, durch die
rebumrankten Gelände, aus denen ſchon einzelne Zy—
preſſen als italiſche Schildwachen aufragen, und kamen
am Hauſe des unter die Heiligen, unbekannt warum, auf⸗
genommenen „Armen Heinrich“ vorüber und freuten uns

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des Blicks hinab in das reiche Etſchtal und auf die hohe

Mendola, und ſeitwärts nach den zackigen Kuppen und
weiten Schneefeldern des hohen Schlärn, und bogen in
ein enges, liebliches Seitental ein, ähnlich dem der Paſſer,
wo ſie an der Zenoburg vorüber den Mauern Merans
entgegenſtrömt. Und war ſchon allerhand Schlinggewächs
und ſüdliche Vegetation um die Felſen, die deutſche Eiche
zu unanſehnlichem Strauch zuſammengeſchrumpft, aber
üppig blühender Flieder und wilde Roſen ringsumher,
und die Talfer brauſte luſtig in grünweißſchäumenden
Wellen in der Tiefe. Auf ſenkrecht aufſteigendem Felſen
hob ſich der Runglſtein' mit TCurm und Mauern, die zu—
meiſt noch überdacht ſind, vor uns empor, während gen—
über der alte Ravenſtein hoch in die Lüfte ragt und in der

* Nehmen Sie nur zwei, wenn es ein Gelubde iſt.

1 Bgl. das „Gaudeamus“-Gedicht „Runglſtein“, Bd. 1 dieſer Ausgabe,
S. 82, mit Anmerkung.

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