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380 Epiſteln.
Und auch dem Meiſter Anſelm ſchwebte es wie große
Hiſtorienbilder — und einſam betende, ſchwarze Frauen
und reiche Hochzeitzüge vor dem Sinn, und während er
das ſchmucke Altärlein ſeinem Skizzenbuch einverleibte,
ſetzte ich mich in einem Erkerfenſter feſt und ließ einen
Trunk Weines kommen, nachdem mir das Studentlein
zum Abſchied für eine Gabe von zehn Kreuzer Münz die
Hand hatte küſſen wollen — und trank einen mächtigen
Schluck zu ehrendem Angedenken des Ritters Conrad
Bintler, der kurz vor des Mittelalters Torſchluß ſich hier
das Köſtliche und Unvergängliche der Vergangenheit in
ſtattlichem Denkmal erhalten und ſeinen Geiſt am Sang
der alten Meiſter erquickt — und wenn er, durch ſie an—
geregt, vielleicht ſelber auch einige ſchlechte Minnelieder
gemacht, ſo mög's ihm verziehen ſein in alle Ewigkeit.
Und hat nicht viel gefehlt, ſo hätt' ich mir um Herrn
Conrad Vintler herum gleich die Geſtalten eines ganzen
Romans erſonnen, denn er war ein Freund Herrn Os—
walds von Wolkenſtein, deſſen trutzige Lieder und Aben-
teuer in aller Herren Landen mir wohl bekannt ſind, und
Herzog Friedrichs mit der leeren Taſche, deſſen Koſtüm
ich aus eigener Erfahrung auch genau kennengelernt, und
auf ſeinen Beſitzungen brach, wie es bei einem poetiſch
geſinnten Rittersmann ganz naturgemäß iſt, das „Pfand—
übel“ aus, das ſchließlich die ſchöngemalten Hallen in ganz
nüchternen Kreditorenbeſitz brachte. und für Tracht—
und Bewaffnungsſtudien war noch eine ganze wohlgefüllte
Rüſtkammer vorhanden, in welcher ein zur Vexierung der
Feinde ſchlau erſonnener Helm mit doppeltem Kopfe (dem
alſo in Hitze des Gefechts der leere geſpalten werden
konnte) an das Hereinbrechen Don Quixotiſcher Ideen ins
alte Rittertum gemahnte..Kaber ſchon warf die Abend—
ſonne ihr warmes Licht in den gebräunten Saal, und der
Wein ging zu Ende, und wir mußten notwendig den
Abend noch beim Schlupfwirt ſein, ſo daß der edle Rungl⸗
ſteiner vorderhand vor der Gefahr ſicher iſt, durch meine
Feder aus ſeiner Grabesruhe wieder heraufbeſchworen
zu werden.
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