Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 384
(PDF, 113 MB)
Bibliographische Information
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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384 Epiſteln.

Und da meine Phantaſie gottlob auch noch in ſo leid—
lichem Zuſtand, daß ſie ſich ohne Beſchwer einen ſteinernen
Waſſertrog zu vergegenwärtigen vermag, blieb auch die
tomba di Giulietta la sfortunata' gänzlich unbeſichtigt.
Aber Romeos Sehnſucht und ungeſtillter Liebeswunſch
ſchwebt immerdar noch träumeriſch über dem alten Ve—
rona, denn wie wir in ſpäter Nachtſtunde von der ehr—
würdigen Piazza dei Signori heimſchritten, wandelte ein
einſamer Fähndrich melancholiſch über den Gemüſe—
markt und ſpitzte die Lippen ſeines pausbackigen Ant—
litzes ſo romeoartig und ſang die Arie „Dein Geliebter
harret dein! dein Ge—e—e-liebter ha— a— aarret
dein!“ ſo ſchmelzend, daß der alte Carové ſelig an ihm
ſeine Freud' gehabt hätte, und wir nicht umhin konnten,
ihm zu wünſchen, er möge in der Caſa Capuletti eine hand-
feſte friulaner Stallmagd entdecken, die des alten Zwiſtes
der Väter vergeſſend ſein ſehnſüchtiges Lied erhöre.
Wer aber wirklich einen Hauch aus den Zeiten der
Montecchi und Capuletti verſpüren will, der muß vom
alten Platz der Signori weg zur Kirche S. Maria l'Antica
ſich wenden, wo die Grabdenkmale der Scaliger mit ihren
rieſigen Sarkophagen und Reiterſtatuen und heiligenbild-
geſchmückten Spitzbogen in marmorner Pracht empor—
ragen. Dort, vor dem Mauſoleum des Cangrandeé;, bei
dem Dante dereinſt das Brot der Verbannung gegeſſen
und empfunden, wie ſchwer es einem Sänger wird, frem—
der Leute Treppen auf- und abzuſteigen“ — und bei dem
üppigen, vier Stockwerke hohen Mal des Canſignorio ſteht
eine verklungene, längſt zu den Toten und Vergeſſenen

1 Als „Grabmal der unglücklichen Julia“ wird ein mittelalterlicher Sarko⸗
phag in einer Kapelle des Franziskanerkloſters gezeigt. — ² Bgl. Bd. 1 dieſer
Ausgabe, S. 253. — ³ Verona wurde ſeit 1260 von dem Geſchlechte der
Scaligeri (oder della Scala) beherrſcht. Der bedeutendſte von ihnen war Can
Francesco, genannt Can Grande I. (1312— 29), an deſſen glänzendem Hofe
auch der ſeit 1302 aus ſeiner Baterſtadt Florenz verbannte Dante zeitweiſe
geweilt hat. Das Grabmal des weiter genannten Can Signorio (geſt. 1375),
der ſeinen Bruder ermordet hat, wurde noch bei ſeinen Lebzeiten errichtet. —



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⁴ Nach Dantes eigenen Worten Paradiso XVII, 58: „Tu proverai si come

sa di sale II pane altrui, e com' è& duro calle Lo scendere e'l salir per
l'altrui scale.'


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