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Benetianiſche Epiſtel. 385
geworfene Zeit leibhaftig vor uns, und es würde kein
Staunen erregen, wenn ſich der enge Raum wieder füllte
mit Gepanzerten und mit ernſten Geſtalten im roten Fal—
tentalar, und wenn er ſelber zu uns träte, der Mann aus
5 Florenz, der die Schatten des Inferno einſt durchwandelt,
und uns auf die Schulter klopfte und fragte: „Was ſingt
ihr gegenwärtig in Deutſchland?“ ...
In der Colomba d'oro, wo wir uns der ſüßen Nacht-
ruhe zu freuen hofften, rächten die Inſekten Veronas den
10 dem Angedenken der Julia angetanen Unglimpf; knat-
ternd zog's heran, geflügelte und ungeflügelte, .. gquis
cladem illius noctis, quis funera fando explicet*? ...
Und mit bitterſüßer Erinnerung an jenen Tag, deſſen
aufgehende Sonne mich ſtatt im Bett ſchmerzlich in Schal
1s eingehüllt auf dem backſteingepflaſterten Fußboden vor—
fand, ſei denn dieſe Epiſtel beſchloſſen, und mögen mit ihr
meine herzlichſten Grüße ins Heidelberger Muſeum wan⸗-
dern und der Engere mir itzt und fürderhin ſeinen Segen
und ein freundſchaftliches Angedenken bewahren, ſo wird,
20 ſo Gott will, auch die Cholera' der Fortſetzung meiner Be-
richte keinen Eintrag tun.
In alter Freundſchaft Giuſeppe.
* Wer wohl ſchildert mit Worten das Blutbad, wer die Gefallenen
jener Nacht??
1 Bgl. unten, S. 387 ff. — ² Aus Virgils „Aneis“, 2. Buch, V. 361.
Scheffel. IV. G 25
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