Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 387
(PDF, 113 MB)
Bibliographische Information
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Freiburg und der Oberrhein

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0387
10

15

20

25

35

Gedenkbuch über ſtattgehabte Einlagerung auf Kaſtell Coblino. 387

forestiere niederſchauen — oder bei ſtillem Gang durch
das Labyrinth von Moſaik und Marmorſchätzen, die die
heilige Markuskirche in ihrem Innern birgt, — oder bei
luſtigem Hinausrudern nach einer der Laguneninſeln, die
gleich ſilbergefaßtem Edelgeſtein ſich emporheben aus dem
barkendurchwimmelten ſchimmernden Gewäſſer — in
ſolchen Momenten wär' es ein Verrat an der ewigen
Schönheit, ſich auf die Zeit zu freuen, wo all dieſe Pracht
in fernem Nebel rückwärts eines davonreiſenden Mannes
verſchwindet.
Aber ſofern es die Natur geordnet, daß der Menſch

auch Inhaber eines ſündigen Leibes, als deſſen Haupt-

beſchäftigung die Naturgeſchichte in guter Schulzeit die
Funktionierung der fünf Sinne, Sehen, Hören, Riechen,
Schmecken und Fühlen angibt... und ſofern der kon—
krete Inhaber eines ſolchen Leibs ein Deutſcher, und die
Zeit, wo er deſſen Funktionen ausüben ſoll, der Monat
Fuli, ſo mag es doch zutreffen, daß auch in Benedig ſich
eine Stimmung in ihm feſtſetzt, die ihren Ausdruck nur in
dem bekannten Ruf: „Naus! und nix wie naus!“ finden
kann. Denn was zu viel iſt, iſt zu viel!
Und was wir in dieſer Sommerhitze zu Benedig er—
leben mußten, war zu viel. Die Cholera war als ein
ſchwarzer Würgengel eingezogen und fügte ihre Schreck—
niſſe zu den Bedrängungen der heißen Fahreszeit. Und
was ein Tag venetianiſchen Lebens inkluſive der Nacht
an leiblichen Annehmlichkeiten dem Menſchen gewährt,
mag aus folgender fragmentariſcher Schilderung ent-
nommen werden:
„Item am 12. Juli morgens nach ſchlafloſer Nacht
müd' und ſchweren Hauptes aufgeſtanden. Vom Palazzo
Canal längs des ſtagnierenden Lagunenwaſſers in einer
ſchwefelwaſſerſtoff- und ſtickſtoffdurchſchwängerten Atmo⸗
ſphäre zum traghetto' des Campo San Barnaba gewandelt,
um in der Gondel nach dem Markusplatz zu fahren. Unter⸗
wegs einer Frau begegnet, die jammernd nach einem Arzt

¹ Überfahrt.
25⁵*


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0387