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für ihren erkrankten Mann lief. Am traghetto mit dem
Gondolier wegen Fahrpreiſes einen gröblichen Wort—
wechſel beſtanden, der Veranlaſſung war, trotzig zu Fuß
nach San Markus zu gehen. In dem engen Gewinkel
zwiſchen San Barnaba und der eiſernen Brücke über den
Ganal grande eine ſolche Fülle verſchiedener peſtilenziali⸗
ſcher Wohlgerüche beſtanden, daß ich eine Orange ein—
kaufen mußte, um die Naſe zuzuhalten. In der Calle' della
misericordia der ſchmale Durchpaß durch eine Gruppe
ſich lauſender Damen geſperrt, denen ein Fiſcher von
Burano etliche Körbe halbverweſter Meerfiſche zu billigen
Preiſen feilbot.
„Im Café Mendel am Markusplatz von der ſchönen
Frau Mendel mit der Nachricht empfangen, daß geſtern
die Magd an der Cholera erkrankt. Um dem Geiſt ander-
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weite Ideen zuzuführen, Geſpräch mit einem öſterreichi-
ſchen Leutnant angefangen, der erzählt, daß heute nacht
ein Piket Soldaten, die in der Giudecca im feuchten Gras
geſchlafen, ſämtlich die Cholera bekommen. Dem aus—
zuweichen, nach dem Giornale di Venezia gegriffen, um
nach telegraphiſchen Depeſchen zu ſehen. Statt dieſer auf
die Rubrik geſtoßen: Bolletino del cholera. Casi nuovi 36,
morti 20, guariti 6 ²° uſw..Hierauf ärgerlich von dannen
gegangen, um in der Münſterſchen Buchhandlung etwas
Neues zu leſen zu holen. Auf gut Glück ein Buch mit- 25
genommen, betitelt: Aus Venedig. Vom Verfaſſer des
Naëmann.“ Beim Fortgehen darin geblättert und ſchon
auf dem Markusplatz die Entdeckung gemacht, daß der
Verfaſſer ein Baſler Pietiſt. Sofort zurückgetragen.
Einen Spaziergang ans Ufer der Schiavoni gemacht und
mit Befremden wahrgenommen, daß das Trieſtiner
Dampfboot, was ſonſt regelmäßig leer, heute über hundert
Paſſagiere bringt. Nachricht, daß in Trieſt die Cholera ſo
wütend ausgebrochen, daß man Hals über Kopf von
dannen fliehe. Einer Prozeſſion verſchleierter Frauen
und barfuß gehender Kinder mit Wachskerzen begegnet,
1 Gäßchen. — ² Cholerabericht. Neue Fälle 36, geſtorben 20, geheilt 6.
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