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Gedenkbuch über ſtattgehabte Einlagerung auf Kaſtell Toblino. 399
Aber ſchwach und krank waren wir allbeide noch, gleich
dem verlorenen Sohn in der Ballade eines neueren Dich⸗
ters':
„Und wie er endlich Abſchied nahm von Babylon,
5 Da war's ihm wirklich ziemlich miſerabilon.“
... Sie war in Meſtre mit andern Damen eingeſtie-
gen. Sie war allerdings von einer eigentümlichen Schön⸗
heit..Kregelrechte antike Züge, blaäaͤſſes, intereſſantes
Antlitz, auf dem von jener dummen Zmpertinenz rot—-
10 backiger Geſundheit kein Atom zu finden war, ein klares,
tiefes, unendlich wehmütig durchſchneidendes Auge,
ſchwarzes, reiches Haupthaar. Und die melancholiſch ern-
ſten Frauenköpfe, nach denen ein Künſtler das Madonnen-
ideal geſtalten mag, ſind in Ftalien wie anderwärts ſelten.
16 Sie ſprach Ftalieniſch und ein fremdartig klingendes
Deutſch und reiſte mit ihrer Mutter. Im Bahnhof zu
Verona ſtiegen beide aus. „O weh!“ ſprach der Meiſter
Anſelm, der eine kühle Limonade trank, „es iſt ſchon zu
Ende!“
20 Dasſelbe hatte ich ſoeben ſchweigend gedacht.
Aber ſie nahmen ein neues Billett und ſtiegen wie—
der ein.
„Donner und alle Wetter“, ſprach ich, „ſie fahren viel-
leicht mit uns über den Gardaſee“ — „Eben denk' ich
25 daran“, ſprach der Meiſter Anſelm.
Ernrnd wir verſanken beide in Gedanken. Jenſeits Ve⸗
rona kam ein Herr mit flachsblondem Haar neben mich
zu ſitzen, auf deſſen Hutſchachtel ſtund: „Waſſerberger.
Paſſagiergut. Meißen.“ — „Ein unangenehmes Land, das
30 Italien“, bemerkte er, „wenn man die Sprache nicht kann.“
Ich gab ihm keine Antwort. Als die hohen Berge des
Gardaſee in blauer Ferne aufſtiegen, machte er einen
zweiten Verſuch: „Ob's dort wohl ſchon Gemſen gibt?“
fragt er. Da ſprach ich wie ein Geiſtesabweſender: „höh-
35 primiöh!“ Es war der Warnruf Balentino des Gondo—
liers, der bedeutet, daß Barken, die ums Eck fahren,
1 Lubwig Eichrodt in ſeiner Ballade vom „Verlorenen Sohn“.
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