http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0403
10
15
„
O
Gedenkbuch über ſtattgehabte Einlagerung auf Kaſtell Toblino. 403
daß ihm als Landeseingeborenem zukommen müſſe zu
wiſſen, wieweit das Minimum an Gewandung bei einer
Fahrt auf dem Garda berabgeſtimmt werden dürfe, ſo
unterließen wir, ihm Bemerkungen über die Geſetze des
Anſtands zu machen, und ließen ihn in ſeiner grande tenue
gewähren. Und wie ſich in Ftalien ſo vieles von ſelbſt
macht, ohne daß es planmäßig vorgeſehen wird, ſo ruder⸗
ten wir, ſtatt nach Hauſe, vorwärts längs dem felsum—
dämmten Ufer. An einem kleinen geſtrüppbewachſenen
Abhang ſtand ein behauener Stein wie ein Meilenzeiger.
Weil aber nirgendwo Gelegenheit eines Weges erſichtlich,
befragte ich, was der Stein bedeute. — „Von dort an“,
ſprach der nackte Hausſohn und deutete ſüdwärts, „darf
man Singvögel fangen und totſchießen, bis hieher iſt's
ſtreng verboten.“ L
„Warum das?“ fragte ich weiter. „Weil hier die
Grenze zwiſchen Deutſchland und Ftalien iſt“, ſprach er.
Ich dachte an das Schickſal ſo manches deutſchen Poeten,
und fand es ſonderbar, daß man es hierlands als Kenn—
zeichen Deutſchlands betrachte, daß auf deutſchem Boden
die Singvögel nicht gefangen werden dürfen...
„Wir wollen noch bis zum Ponal fahren“, ſprach der
Jüngling von Riva und ruderte mit Macht ins italieniſche
Seegebiet. Der Ponal iſt eine verlaſſene Uferſtation, wo
einſt die Männer aus dem Ledrotal ihre Schiffe in kleiner
Höhlenbucht anlegten und ihre Bergpfade hinaufklommen,
eh' die neue Straße gezogen ward.Fjetzt ſteht das
Haus und die Schiffslände verlaſſen, die Mauern in
Trümmern, üppiges Strauchwerk und Feigenbäume wu⸗
chern drüber, enges Tal gleich einer Kluft ſpaltet die ſenk—
recht himmelanſtürmenden Kalkſteinwände, ein Berg—
ſtrom brauſt hervor und ſtürzt, von braunen Felſen über⸗
dämmt, in ſchäumendem Waſſerfall in den See.
Und ohne an weiteres zu denken, ſprang ich aus der
Barke und ſtieg hinauf in das wildgewaltige Schauſpiel
der Natur, und beugte mich hinab, den Waſſerſturz zu er—
ſchauen, da ſtand ein Regenbogen, wie ihn die Göttin
Iris mir einſt in ſonniger FJugend am Fall des Velino
26*
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0403