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Gedenkbuch über ſtattgehabte Einlagerung auf Kaſtell Toblino. 407
Die zwei jungen Männer nahmen eine prüfende Po⸗—
ſition ein und beſtellten einen Trunf vino santo, den man
ihnen als der Gegend preiswürdigſtes Erzeugnis geprieſen.
Wie aber der vino santo mit ſeinem goldbraunen Feuer
5 ihre Lippen erwärmt, da waren ſie im Innern eins, daß
hier nur im Fall evidenteſter Unmöglichkeit an einen Rück—
zug zu denken ſei — und eröffneten dem Alten ihr Be—
gehr und Abſicht der Einlagerung. Und Giacomo Som⸗—-
madoſſi der Alte muſterte ſie mit einem ſachverſtändigen
10 Blicke und ſprach das große Wort „hm! hm?!“ und ging
mit rückwärtsgefalteten Händen und großen Schritten i im
Saal auf und nieder.
Da glaubte einer der beiden ihm noch nähere Auf—
klärung über Zweck und Art ihres Lebens geben zu müſſen
1s und ſagte: „Wenn auch keine forestieri hier beherbergt
zu werden pflegen, wir werden keine Störung ins Haus
machen, siamo artistii...“
„Pittori??“ ſprach Sommadoſſi der Alte, „ah! hm?!“
es klang ſehr bedenklich. Er fand nicht für gut, einen Be—
20 ſcheid zu erteilen und wandelte hinaus in die Loggia.
Es trat eine lange Pauſe ein; die beiden jungen Män—
ner hatten ihren vino santo getrunken, der VBetturin kam
herauf, um nachzuſehen, ob er das Gepäck zu bringen habe,
da ging der eine wieder auf Suchung des padrone. Er
25 ſtand in einem Eckfenſter und ſchaute in den See.
„Ebben, Signor padrone, come sta la nostra com-
binaziones?“
„Un caso singolare“, ſprach Sommadoſſi der Alte.
„Singolare . perchè?“
30 „Figliuole in casa .. . donne giovinette in casa!“
ſprach er, „e pittori??!“ Sommadoſſi der Alte ſchien ſeine
eigenen Anſichten über den Fall zu haben, da Maler und
junge Mädchen unter ein und demſelben Dach zu leben
kommen... Aber wie noch ein großer Sturm auf ſein
35 zweifelndes Gemüt gemacht und erklärt war, daß deutſche
1 „Wir ſind Künſtler.“ — ² „Maler?“ — ³⁹ „Nun, Herr Wirt, wie wird's
mit unſerer Vereinbarung?“ — ⁴° „Ein beſonderer Fall.“ — „Warum?“ —
„Zunge Mädchen im Hauſe! Und Maler?“
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