http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0408
408 Epiſteln.
Maler und Zünglinge überhaupt die bräoſten Leute der
Welt ſeien und keinem Kind, geſchweige einem im Kaſtell
Toblino wohnenden Mägdlein das geringſte Leid zuzu—
fügen imſtande..Ka erweichte des Alten Herz und er
ſprach: „Vedremmoi!“ — Nach fünf Minuten ſahen die
jungen Männer, daß in einem großen Zimmer neben er-
wähntem Saal eine Anzahl Kiſten mit gelber roher Seide,
die herumhing, verpackt und geſchloſſen wurden. nach
zehn Minuten ſtand ihr Gepäck und ſonſtige fahrende
Habe in dieſem großen Zimmer, und ſie waren Bewohner
des Kaſtell Toblino.
„In pochi giorni saremmo come figli di casa““, ſprach
des Abends einer der beiden zu Sommadoſſi dem Alten.
—„Ringrazio!“ ſprach er ſchmunzelnd. — Ringrazio
kann in dieſem Fall bedeuten: 1) ich danke für das Kom—
pliment, 2) ich danke dafür! — In welcher Bedeutung
Sommadoſſi der Alte es nahm, war nicht zu ermitteln.
7. Kaſtell Toblino des weiteren.
In der großen Stube ſtand außer den Kiſten mit Roh⸗
ſeide auch ein altertümlicher Schrank, den ein grüner Vor⸗
hang geheimnisvoll überdeckte. Ich lüftete den Vorhang;
es war ein Bücherſchrank. Ich tat einen Griff hinein;
aber wer in einen Bücherſchrank greift, teilt das Schickſal
des Fiſchers, der auf Gratewohl ſeine Angel in den See
taucht: es kommt auf den Zufall an, ob er eine Forelle her⸗
auszieht oder einen Weißfiſch. Ich zog Ahrens's „Natur-
recht“ heraus. „Corso di diritto naturale, o di filosofia del
diritto privato e publico, di E. Ahrens, versione eseguita
del Professore Vincenzo de Castro.“ Milano 1851. Ich
ſchlug den erſten Band auf und las: „Das öffentliche
1 „Wir wollen ſehen.“ — ² „In wenigen Tagen werden wir wie Söhne
des Hauſes ſein.“ — ³3 Heinrich Ahrens, geb. 1808, geſt. 1874 als Profeſſor
der Philoſophie und Politik in Leipzig, war Mitglied des Frankfurter Parla—
ments, ſo daß Scheffel ihn perſönlich gekannt haben muß. Sein vielaufgeleg-
tes „Naturrecht“ war, während ſeiner Pariſer Zeit, zunächſt franzöſiſch er⸗
ſchienen („Cours de droit naturel“, Paris 1838).
20
25
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0408