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Gedentbuch über ſtattgehabte Einlagerung auf Kaſtell Toblino. 411
Ahrens' „Naturrecht“.welch eine Fülle von Geſichten!
Die Weltgeſchichte wird ja nur dann reich, wenn ſie im
engumſchriebenen Rahmen beſtimmter Ortlichkeit betrach—
tet wird. Ich ziehe das kleine Detail dem großen Nebel
vor ...
„La cena!“ ſprach das Mädchen, welches inzwiſchen
den Tiſch gedeckt hatte, und brachte eine mit weißem Tuch
verhüllte Platte. Nach feierlicher Enthüllung erſchien eine
gelbe, zuſammenhängende, ſchneidbare Maſſe, deren Ge—
ſchmack undefinierbar bleibt. Es war polenta. In dieſem
Fall wäre mir trotz meiner Vorliebe für Traditionelles
und Lokales doch ein Stück univerſalen Kalbsbratens
lieber geweſen.
8. Sonntag.
In der Früh des andern Morgens weckte ein Glöcklein
mit hellem Klang aus dem Schlummer. „La messa!“
rief das dienende Mägdlein Carolina zur Tür herein. Und
wie wir geruhig die müden Gebeine weiter ſtrecken woll—
ten, kam ſie ungeduldig herein und rief zum zweiten: „Ma
presto Signori, la messa!“ Und ich beſann mich, daß wir
in Südtirol waren, dem Land der Wunder und ſtigmati⸗
ſchen Heiligen, und beſann mich auf das, was Heinrich IV.
einſt geſagt, da ſich's drum handelte, ob Paris ſein werden
ſolltel, und fuhr in die Kleider, um der Einladung Folge
zu leiſten. „Vi abbiam aspettato““, ſprach Sommadoſſi
der Alte, da ich in den Saal kam. Er wandelte mit einem
Kapuziner auf und ab und ſprach's mit einem Ton des
Vorwurfs. „E'l vostro compagno?“ — „Eprotestante““,
ſagte ich. „ozm? .. hmmm!“ murmelte Sommadoſſi
der Alte. Seine Beziehungen zu Ahrens' „Naturrecht“
wurden mir mehr und mehr rätſelhaft.
Das Kaſtell Toblino hat, angebaut ans Portal, eine
einfache Kapelle. JFeden Sonntag ſchickt das Kloſter von
Arco einen Kapuziner, der Schloßbewohnerſchaft Gottes⸗
1 „Paris vaut bien une messe.“ — ² „Wir haben auf Euch gewartet.“ —
3 „Und Ihr Kamerad?“ — „Iſt Proteſtant.“
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